Mit offenen Augen

Mit offenen Augen
Veröffentlicht am Mo., 7. Sep. 2020 09:07 Uhr
Aus der Gemeinde ...

Jesus Christus spricht: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“.  
(Matthäus 25,40b)

Er saß an einem sehr frühen Sonntagmorgen einsam auf einer Bank. Um unsere Fähre nicht zu verpassen hatten wir einen großen Zeitpuffer eingeplant, uns stand daher viel Zeit zur Verfügung. Zeit um sich Gedanken auch darüber zu machen wie gut es uns geht. Unser Urlaub war fast vorbei und in mir war ein Gefühl der Dankbarkeit aufgekommen, das ich gerne mit anderen teilen wollte.

Wir fuhren langsam durch die nahezu menschenleere Hauptstraße eines kleinen Ortes als ich einen einfach gekleideten Menschen auf einer Bank sitzen sah, neben sich einen großen teilweise gefüllten Sack. Schon als wir an ihm vorbeifuhren kam bei mir das Gefühl auf, er kann ein Mensch sein, der schon länger unterwegs ist. Ich hielt an und lief die kurze Strecke zurück zu der Bank auf der er saß.

Er wirkt überrascht als ich ihn anspreche. Mit einem fragenden „Ja“ beantwortet er meine Frage, ob ich mich zu ihm setzen dürfe. Wir kommen ins Gespräch. Nach kurzer Zeit tauschen wir unsere Namen aus. John erzählt mir, warum er hier sitzt und dass sein Leben nicht so verlaufen ist wie er sich es vorgestellt hatte. Aber es geht ihm gut, da er von Gott behütet sei. Wir kommen darauf zu sprechen und sind uns einig, dass es jemand gibt, der immer mit uns und für uns ist. Ich bin verwundert und erfreut, dass John mit all dem Erlebten seinen Glauben an Gott nicht verloren hatte.

Im Laufe des Gespräches erfahre ich, dass er zurzeit in einer übervollen Unterkunft sehr beengt lebt und daher schon früh das Mehrbettzimmer verlassen hat. Er sei eigentlich immer wieder auf Wanderschaft und plane jetzt auch, diesen Ort bald zu verlassen. Er lebt von der Hand in den Mund.

Es ist ein interessantes und lehrreiches Gespräch, um zu erfahren wie ein Mensch in Gottvertrauen solche Situation bewältigt. Ganz zum Schluss unseres Beisammenseins frage ich John, wie er sein Leben finanziert. Was er dann an einem Tag so benötigt. Bis dahin hat er kein einziges Wort über Geld gesprochen. Er überlegt und nach kurzem Nachdenken nennt er dann einen nicht sehr hohen Betrag. In diesem Augenblick durchströmt mich ein tiefgehendes Glücksgefühl. Eine Banknote mit genau diesen Betrag habe ich vor dem Aussteigen in meine Hosentasche gesteckt. Für mich ist dies kein Zufall, sondern eine Fügung, ein Geschenk Gottes.

Ganz zum Schluss unseres Gespräches komme ich auf die Idee, John zu fragen, ob er etwas gegen ein Foto von sich hätte. Sein Foto erinnert mich noch heute an diesen wunderbaren Sonntagmorgen, der mich reichlich beschenkt hat.

Um uns herum leben Menschen, denen Hilfe guttun würde. Der Wochenspruch erinnert mich, erinnert uns, daran, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Wir haben viele Aufgaben, die uns in Beschlag nehmen. Dennoch sollten wir den Blick auf unseren Nächsten, auf die Geringsten, die Armen, die Leidenden unter uns nicht vergessen. Lassen Sie uns mit den folgenden Worten unseres Herrn Jesus Christus durch die kommende Woche gehen:

„Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“.

Bleiben Sie behütet wünscht Ihnen

Ihr
Dr. Rolf-Dieter Wegner