Mein ganzes Leben lang!

Mein ganzes Leben lang!
Veröffentlicht am So., 2. Aug. 2020 19:13 Uhr
Aus der Gemeinde ...

Vor einigen Jahren hörte ich die Geschichte eines Mannes, der seines Glaubens wegen im Gefängnis saß und auf seine Hinrichtung wartete. Es ist überliefert, dass er gefragt wurde: „Willst du nicht deinen Glauben verleugnen? Du kannst dadurch dein Leben retten!“ Daraufhin sagte er: „Jesus Christus ist mein ganzes Leben lang bei mir gewesen. Warum sollte ich ihn ausgerechnet jetzt verlassen?“

Wir sind es gewohnt, von dem, was wir erleben, von der Wirklichkeit, die uns umgibt, auf Gott zu schließen. Wenn es uns gut geht, dann ist Gott da und segnet uns sichtlich, wenn uns Unglück ereilt, dann beginnen wir zu zweifeln: Habe ich mich geirrt? Gibt es Gott doch nicht? Und wenn doch, wie kann er es zulassen, dass es mir so schlecht geht?

Ich bewundere den Mann in der Geschichte, weil er nicht von der Wirklichkeit auf Gott schloss, sondern umgekehrt. Er glaubte, dass Gott durch Jesus Christus in seiner Nähe war, egal, was passierte, selbst mit dem Tod vor Augen. Und so war die Frage nicht, ob Jesus ihn verlassen habe, sondern ob er ihn verlassen würde. Er hat die Frage sozusagen andersherum gestellt.

Dietrich Bonhoeffer wurde von einem Mithäftling so beschrieben: „Er war einer jener ganz seltenen Menschen, die ich getroffen habe, denen Gott eine Wirklichkeit ist, die sie ganz nahe umgibt.“

Wie kann Gott eine solche Wirklichkeit für mich werden? So wirklich für mich, dass ich, wie herum ich auch immer meine Fragen nach ihm stelle, doch immer bei Gott ankomme?

Der Glaube daran, dass Gott wirklich ist, ist nichts, das wir ein für alle Mal besitzen. Er wird uns immer wieder neu geschenkt. Was ich dafür tun kann: den Kontakt zu Gott nicht abreißen lassen, auch wenn er mir gerade sehr entfernt zu sein scheint. Ihn immer wieder bitten: Schenke mir Glauben! Einen Glauben, der, wenn ich heute zurückblicke, sagen kann: „Er ist mein ganzes Leben lang bei mir gewesen!“

Und der mich dann mutig und gestärkt in die Zukunft gehen lässt.

Ihre
Regina Schlingheider