Ein kleines Wunder

© Albertina pressoffice | commons.wikimedia.org
Veröffentlicht am So., 17. Mai. 2020 17:01 Uhr
Predigten

Liebe Gemeinde,

Sie kennen vermutlich das Bild der „Betenden Hände“ von Albrecht Dürer (1471–1528), dem Maler aus Nürnberg, der zu Beginn der Reformationszeit malte. Auf seinem Bild sehen wir nur Hände, ältere Hände, die nicht gefaltet, sondern aneinander- oder aufeinander gelegt sind zum Gebet.

Dieses schlichte Bild hängt immer noch in vielen Wohnzimmern oder Küchen, in vielen Krankenzimmern oder Pflegezimmern in Altenheimen. Warum ist dieses Bild von den „Betenden Händen“ so beliebt? Was macht aus diesem doch unscheinbaren Bild für viele Menschen, ein Lebensbild, das ihnen buchstäblich auch lebenswichtig ist?

Dieses Bild zeigt etwas von dem, was wir Menschen brauchen, immer wieder: es erzählt von einem kleinen Wunder. Und von diesem Wunder möchte ich Ihnen heute erzählen: Vom Wunder des Betens. Es geschieht überall auf der Welt, täglich Millionen Mal. Und dieses Wunder des Betens ist nämlich: Es bringt mich ins Gleichgewicht. Wer zum Übermut neigt, kann durch ein Gebet wieder ein wenig auf den Boden geholt werden. Wer am Verzweifeln ist, wird durch ein Gebet ein wenig daran gehindert. Wer nicht weiß, wie er sich entscheiden soll, kann im Gebet einen Weg entdecken. Beten kann mich ins Gleichgewicht bringen, darum ist es so wertvoll – und so dringend nötig für Menschen. Denn wir sind ja nicht immer im Einklang mit uns selbst und unserer Umwelt. Wir suchen immer wieder und zu allen Zeiten nach dem richtigen Platz im Leben und in der Welt, fragen uns: Wer bin ich? was ist der Sinn meines Lebens? Wohin gehöre ich? Wo ist der richtige Ort für mich?

Ich glaube, dass wir den richtigen Ort gefunden haben, wenn wir uns als Gegenüber zu Gott, dem Schöpfer und dem Vater Jesu begreifen. Ich bin Gottes Gegenüber, ich bin sein Kind, das seine Liebe braucht, egal, wie alt ich bin. Wenn ich bete, dann wende ich mich an Gott. Das Gebet ist Ausdruck dessen, dass ich Gott als höhere Macht anerkenne und ihm viel zutraue.

Jesus hat viel gebetet. Jesus war Jude, und als Jude hat er viel auch aus dem wunderbaren Gebetbuch geschöpft und gebetet: aus dem weltberühmte Gebetbuch der 150 Psalmen der hebräischen Bibel. Diese Gebete beten auch wir Christen, wie heute zum Beginn dieses Gottesdienstes zum Beispiel den 95. Psalm. Und in unseren Evangelien wird auch vom Gebet erzählt. Mitten in der Bergpredigt zum Beispiel erklärt Jesus, wie wir aus seiner Sicht „richtig“ beten:

Wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, damit sie von den Leuten gesehen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.

Mit diesen Worten zum Gebet gibt Jesus uns Boden unter die Füße: Es ist jemand da, zu dem wir kommen können. So wie wir sind. Wir brauchen ihm auch nichts vorzumachen oder besonders schöne oder gesetzte Worte zu wählen. Gott ist da. Und In ihm haben wir ein Gegenüber, an das wir uns zu jeder Zeit wenden können, ein Gegenüber das uns achtet und das auf uns achtet. Egal was ist, wir können alle unsere Wünsche und Hoffnungen, unsere Klagen und Fragen, mit allem Ärger und aller Wut, mit allem Dank und aller Freude an ihn wenden. Und wenn uns einmal die eigenen Worte fehlen, dann können wir einfach die Worte beten, die Jesus uns gelehrt hat:

Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Darum sollt ihr so beten … Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Ein wenig kürzer, als wir es normalerweise beten, steht das Vater Unser hier bei Matthäus im 6. Kapitel. Die französische Philosophin Simone Weil (1909–1943) sagt über dieses Gebet: „Es enthält alle jemals möglichen Bitten; man kann kein Gebet ersinnen, das nicht schon darin beschlossen wäre. Wer es – aufmerksam auf jedes Wort – spricht, dessen Seele verändert sich.“

Das Gebet zu Gott, zu meinem Gegenüber, das mir alle Freiheit lässt, kann meine Seele wieder ins Gleichgewicht bringen. Das ist das Wunder, von dem ich Ihnen heute erzähle. Und wenn ich mit mir selbst wieder im Gleichgewicht bin, dann kann ich aus „meiner Kammer“ oder aus dem gemeinsamen Gottesdienst in der Kirche wieder hinaus in die Welt gehen. Mit einem solchen Gebet verändert sich dann aber auch oft etwas: Die Erfahrung des Gebets, des Angenommenseins, das Wunder, wieder im Gleichgewicht zu sein, das alles möchte gelebt werden, in der Welt und mit anderen Menschen.

Und jedes Gebet hilft uns, andere Menschen zu achten, weil wir uns daran erinnern: Sie sind Gottes Kinder – genauso wie ich. Darum kann man zwar auch ohne in die Kirche und in die Gemeinde zu kommen, glauben und beten, aber wirklich lebendig wird der Glaube erst, wenn er auch aktiv gelebt wird, mit anderen zusammen.

Gerade in dieser Zeit wird uns bewusst, wie sehr wir andere Menschen brauchen, die Gemeinschaft, das Miteinander, den persönlichen Kontakt. Und da fehlt uns im Moment ja eine ganze Menge: Wir dürfen – noch nicht – zusammenkommen außerhalb des Gottesdienstes. Und das ist für viele Menschen wirklich schwer. Es fehlt die Gemeinschaft, die wir miteinander in unseren Gruppen und Kreisen erleben, in den Kindergruppen, den Chören, dem Seniorenkreis und vielen anderen Treffen in der Gemeinde, die uns lieb und wichtig geworden sind.

Und das wird auch noch eine Weile so bleiben - auf der Gemeindekirchenratssitzung, die wir in der vergangenen Woche über das Internet hatten, haben wir entschieden, dass bis zum Sonntag, dem 7. Juni keine weiteren Veranstaltungen über den Gottesdienst hinaus stattfinden dürfen, damit wir uns und alle, die kommen würden, weiterhin schützen. Ob und wie lange das so notwendig sein wird, wissen wir alle nicht. Es gilt, erst einmal zu beobachten, wie die neuen Lockerungen sich jetzt bei den Infektionszahlen auswirken.

Aber trotz aller Einschränkungen gibt es ja Möglichkeiten, den Glauben gemeinsam zu leben, und das machen viele von uns ja auch, haben neue Wege gefunden, miteinander und füreinander da zu sein, ohne sich direkt zu begegnen: Viele Telefonkontakte sind neu entstanden, es wird füreinander eingekauft, bei Laib und Seele werden die „Tüten“ nun von vielen fleißigen Helfern zu den Menschen nach Hause gefahren, und es gibt noch vieles mehr, wie wir jetzt die Verbundenheit untereinander leben können.

Und bei allem, was jetzt schwer ist, dürfen wir auf Gottes Begleitung hoffen. Wir dürfen uns von ihm geliebt und angenommen fühlen, geachtet und wertgeschätzt. Wir können zu ihm kommen mit dem, was uns auf dem Herzen liegt. Wir dürfen darauf vertrauen, dass das kleine Wunder auch uns geschieht, wenn wir beten: dass wir wieder ins Gleichgewicht kommen.
Amen.

Pfarrerin
Stephanie Waetzoldt

Bildnachweise: