3. Mai: Jubilate

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Veröffentlicht am Sa., 2. Mai. 2020 17:22 Uhr
Predigten

Man singt mit Freuden vom Sieg /
in den Hütten der Gerechten:
Die Rechte des Herrn behält den Sieg!
Ich werde nicht sterben, sondern leben
und des Herrn Werke verkündigen.
Der Stein, den die Bauleute verworfen haben,
ist zum Eckstein geworden.
Das ist vom Herrn geschehen
und ist ein Wunder vor unsern Augen.
Dies ist der Tag, den der Herr macht;
lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein.


Liebe Gemeinde,
der Psalm 118 ist unser Osterpsalm. Wir beten ihn in der Osternacht, er gehört in jeden Ostergottesdienst. Schon die Christen des 1. Jahrhunderts haben ihn zum auf die Auferstehung bezogenen Christuspsalm umgedeutet, vor allem wegen des wunderbaren Bildes vom Eckstein.

Dieses Bild benutzt Jesus selber, wenn er im Zusammenhang mit dem Weinbergsgleichnis in Matthäus 21 zu seinen Diskussionspartnern, den Schriftgelehrten und Pharisäern, sagt:

Habt ihr nie gelesen in der Schrift (also in unserem Psalm 118): »Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. Vom Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen«? Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird von euch genommen und einem Volk gegeben werden, das seine Früchte bringt. Und wer auf diesen Stein fällt, der wird zerschellen; auf wen aber er fällt, den wird er zermalmen.

Im Psalm 118 wird der Eckstein noch nicht so problematisiert, wie das dann bei Matthäus und im 1. Petrusbrief geschieht. Der Eckstein im Psalm ist ein besonderer Stein. Als Eckstein beim Bauen benutzte man besonders ausgesuchte Steine, die makellos waren. Einmal deshalb, weil man den Eckstein von 2 Seiten sehen kann, andere Mauersteine nur von einer Seite. Da ging es also um die Optik. Es musste ein Stein sein, der sehr gut aussah. Und andererseits musste er auch statisch besonders stabil sein, da Ecksteine die stärkste Beanspruchung und Last zu tragen haben.

Davon, dass jemand auf den Eckstein fallen könnte oder der Eckstein auf jemand fällt, ist im Psalm überhaupt nicht die Rede. Das ist ja auch ein etwas schräges Bild. Der Eckstein ist erst dann ein Eckstein, wenn er im Bauwerk eingebaut ist. Dann kann aber weder jemand auf ihn, noch er auf jemand fallen. Mit diesem drohenden Gerichtswort wird also ganz klar die logische Bildebene im Matthäusevangelium verlassen und ein neues Gleichnis eingeführt.

Im 1. Petrusbrief wird ebenfalls das Ecksteinbild auf Jesus angewendet und das gleiche Thema des Gerichtes angesprochen, und doch bleibt der Autor dort in der Logik des Bildes: Darum steht in der Schrift (Jesaja 28,16):

»Siehe, ich lege in Zion einen auserwählten, kostbaren Eckstein; und wer an ihn glaubt, der soll nicht zuschanden werden.« Für euch nun, die ihr glaubt, ist er kostbar; für die Ungläubigen aber ist »der Stein, den die Bauleute verworfen haben und der zum Eckstein geworden ist, ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses.«

Der 1. Petrusbrief nimmt das Ecksteinmotiv nicht aus dem Psalm, sondern aus der neben Psalm 118 einzigen weiteren Quelle im Alten Testament, nämlich aus der messianischen Weissagung in Jesaja 28. dort lesen wir:

Darum spricht Gott der Herr: Siehe, ich lege in Zion einen Grundstein, einen bewährten Stein, einen kostbaren Eckstein, der fest gegründet ist. Wer glaubt, der flieht nicht.

Schon in diesem alttestamentlichen Text wird das Ecksteinbild aus dem älteren Davidspsalm – und das zuallererst und ursprünglich eben auf König David bezogen war – vom Propheten auf den erwarteten Messias übertragen. Wobei auch hier im hebräischen Ursprung der Gerichtsgedanke überhaupt nicht vorkommt, aber dann im Zitat später durch den Petrusbrief gesagt wird, dass dieser ein Stein des Anstoßes ist und ein Fels des Ärgernisses.

Für die Christen ist das auf Jesus und seine Messianität angewendete Ecksteingleichnis von Anfang an verbunden mit dem Problem der Abwendung von ihm. Die Menschen, die nicht an ihn glauben, können an ihm Anstoß nehmen. Seine Reden, sein Leben, sein Verhalten, ja sein schmählicher, unwürdiger Sklaventod und die von seinen Jüngern verkündete Auferstehung sind dem Nichtglaubenden ein Ärgernis.

Der Psalm 118 spricht ursprünglich wie schon gesagt nicht von Jesus, sondern von David. David wird König und damit zur Hoffnung für den von allen Seiten angegriffenen und in sich zerstrittenen Stammesbund Israel. Sein Vorgänger Saul ist schwach und politisch wie kriegstaktisch ungeschickt, so dass die Bedrohungen zunehmen. David, der überhaupt keinerlei Ansprüche auf den Thron hat, der ja nicht einmal aus adligem Hause stammt, wird König – allein weil Gott es so will. Dies beschreibt er im Psalm. Er ist nicht König, wegen seiner hohen Geburt oder seiner Verdienste im Staatswesen oder wegen seiner Siege als Heerführer. All das ist er nicht und hat er nicht. Er ist nur König, weil Gott es will, nur weil Gott allein ihn auserwählt hat.

Er ist der auserwählte Gesandte Gottes, der Heilbringer für den jungen Staat. Für das israelitisch-orientalische Denken erweist sich die Auserwähltheit darin, dass er Erfolg hat. Er stürzt Saul, siegt im Krieg an verschiedenen Fronten, er wählt Jerusalem zur neuen Hauptstadt. Er war kein untadeliger, ethisch über alle erhabene Mensch, wir wissen das: Die Geschichte mit Bathseba und die vielen Menschen, die er getötet hat. Die Rabbinen sagen, dass David deshalb, weil er so viele umgebracht hat, nicht den Tempel bauen durfte, sondern erst sein Sohn Salomo, der nie Krieg geführt hat.

Die Erwählung zum König durch Gott, die Umwandlung der Jebusiterstadt Jerusalem in die Hauptstadt Israels, die Schaffung eines stabilen einheitlichen Staates, lassen David später, als sein Reich zerfallen und Israel erneut vielfachen Bedrohungen ausgesetzt ist, zum Urbild des erwarteten politischen und spirituellen Heilsbringer, des Messias werden. Dieses Königtum Davids, diese Heilszeit in Israel, wird nicht nur für die Israeliten zum Idealbild messianischer Herrschaft, sondern dieses Bild wird auch von den Christen übernommen und auf Jesus angewendet. Er ist nicht nur unser spiritueller Heilsbringer, des Heils für die Seele, sozusagen, sondern durch ihn und von ihm erwarten wir letztlich auch den Frieden, das Heil für die ganze Welt.

Calvin schreibt in seinem Kommentar zu Psalm 118: „Dabei sollen wir bedenken, dass der Heilige Geist uns unter jenem zeitlichen Königtum das ewige und geistliche Königtum des Sohnes Gottes vor Augen malen wollte, so wie David im Voraus ja dessen Person darstellte. ... alles, was hier gesagt wird, trifft eigentlich erst auf die Person Christi zu, und alles, was dunkel und schattenhaft in David angedeutet war, ist vollständig erst in Christus zu Tage getreten.“

Auch von Luther wurde dieser Psalm als Bekenntnis zum kommenden Christus und der von ihm erwarteten geistlichen Befreiung ausgelegt. Beide betonen, dass es erst richtig auf Jesus zutrifft, dass er der Stein ist, den die Bauleute, die Obersten des Volkes, verworfen haben, Gott ihn jedoch zum Eckstein gemacht hat, auf dem das ganze Gebäude seines Reiches gegründet ist.

An oder auf diesem Eckstein findet der Glaubende festen Halt für sein Leben. Der Eckstein Jesus kann das feste Fundament des Lebens für jeden Menschen werden, der an ihn glaubt. Und nochmal Calvin mit Worten, die auch heute noch genauso gültig sind: „Durch dieses Beispiel belehrt, wollen wir ungeachtet der jammervollen Zerstreuung, in der sich die Kirche heute befindet, weiterhin kräftig für ihre Erneuerung beten. Außerdem lassen wir uns durch diese Worte noch einmal daran erinnern, dass das Reich Christi durch menschliche Anstrengung weder gefördert noch befestigt wird. Das ist vielmehr allein Gottes Werk.“

Dieses Vertrauen Calvins auf Gott wünsche ich uns für uns heute.

Der Stein, den die Bauleute verworfen haben,
ist zum Eckstein geworden.
Das ist vom Herrn geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen. Dies ist der Tag, den der Herr macht;
lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein.


Pfarrer Jörg E. Vogel

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