1. Sonntag nach Ostern: Quasimodogeniti

© M. Möller
Veröffentlicht von Maike Möller am So., 19. Apr. 2020 06:45 Uhr
Predigten

Liebe Gemeinde,
Sie haben die Möglichkeit, sich den Gottesdienst mit Pfarrer Jörg E. Vogel anzusehen oder im folgenden zu lesen. Oder beides: Sehen und mitlesen oder lieber nacheinander?




Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.
(1. Petrus 1,3)

Wir feiern diesen Gottesdienst örtlich getrennt, jedoch in Gedanken verbunden im Glauben.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.
Der Herr sei mit euch!

Mit diesem Gottesdienst begrüßen wir den Sonntag, den Auferstehungstag, den Tag des neuen Lebens und die neue Woche, die heute beginnt. Die vergangene Woche, das, was hinter uns liegt, was uns erfreut, und was uns belastet hat, alles ist Teil der Vergangenheit. Wir legen es zurück in Gottes Hand und nehmen dankbar aus seiner Hand die Zeit, die er uns neu schenkt.

In der Stille treten wir ein in die Gegenwart Gottes.

Stille

GEBET
Am Beginn dieses Tages gehen unsere Gedanken zu dir, Gott: Wir glauben dich in unserer Mitte. An diesem Morgen suchen wir deine Nähe, Gott: Wir glauben dich an unserer Seite. In dieser Stunde hören wir deinen Ruf, Gott: Wir glauben dich auf unserem Weg. Die Zeit zwischen gestern und morgen leben wir im Vertrauen auf dich, Gott: Wir glauben uns in deiner Hand geborgen. Amen.

PSALM 116
Das ist mir lieb,
dass der HERR meine Stimme und mein Flehen hört.
Denn er neigte sein Ohr zu mir;
darum will ich mein Leben lang ihn anrufen.
Stricke des Todes hatten mich umfangen, / des Totenreichs Schrecken hatten mich getroffen;
ich kam in Jammer und Not.
Aber ich rief an den Namen des HERRN:
Ach, HERR, errette mich!
Der HERR ist gnädig und gerecht,
und unser Gott ist barmherzig.
Der HERR behütet die Unmündigen;
wenn ich schwach bin, so hilft er mir.
Sei nun wieder zufrieden, meine Seele;
denn der HERR tut dir Gutes.
Denn du hast meine Seele vom Tode errettet,
mein Auge von den Tränen, meinen Fuß vom Gleiten.
Ich werde wandeln vor dem HERRN
im Lande der Lebendigen.

GEBET
Wir wissen, Ewiger, unser Gott, dass wir nicht immer stark und kräftig sein können, auch wenn wir wollten. Oft straucheln wir, und manchmal fallen wir. Lass uns heute gewiss werden, dass du uns immer auffängst und festhältst. Lass uns heute gewiss werden, dass du uns trägst, damit wir sicher leben können.

Darum bitten wir dich durch deinen Messias Jesus, der mit dir und der Heiligen Geistkraft lebt und Leben schenkt von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Amen.

EVANGELIUM
Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, da die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch! Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen.

Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist! Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.

Thomas aber, einer der Zwölf, der Zwilling genannt wird, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Da sagten die andern Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und lege meinen Finger in die Nägelmale und lege meine Hand in seine Seite, kann ich's nicht glauben.

Und nach acht Tagen waren seine Jünger abermals drinnen, und Thomas war bei ihnen. Kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren, und tritt mitten unter sie und spricht: Friede sei mit euch! Danach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott! Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, darum glaubst du? Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!
(Johannes 20,19-29)

PREDIGT ZU JESAJA 40, 26-31
Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt. Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber«? Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft, und Stärke genug dem Unvermögenden. Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen; aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Liebe Gemeinde,
nach langen Wochen der Kontaktbeschränkung, einem kontaktlosen Osterfest, ohne richtige Gottesdienste, wie es das noch nie gab in der Geschichte der Christenheit, und in Erwartung weiterer langer Wochen der Kontaktbeschränkung, die vor uns liegen, fühlen sich viele Menschen müde und matt.

Wir sehnen uns nach dem Ende dieser schwierigen Zeit, wenn wir uns wieder mit Freunden treffen, in der Gemeinde zusammenkommen und Enkel, Kinder und alte Eltern wieder zusammen sein können. Der Prophet Jesaja spricht davon, dass die, die auf den Herrn harren neue Kraft kriegen und auffahren mit Flügeln wie Adler und laufen und nicht matt werden, wandeln und nicht müde werden. Diese Kraft Gottes wünsche ich uns jetzt in der Zeit der Pandemie. Wie bekommen wir sie?

Die Kinderbuchgestalten Petterson und Findus, ein alter Mann und sein Kater, geraten auf dem Heimweg von einem Winterausflug in einen Schneesturm. Sie sehen nicht mehr die Hand vor Augen und verlaufen sich. Es wird dunkel, und müde geworden und kraftlos bauen sie als Notunterkunft ein Iglu. Mitten in der Nacht werden sie halb erfroren von einem Freund gefunden. Sie hatten das Iglu in ihrem eigenen Garten, wenige Schritte vom rettenden Haus entfernt, gebaut.

Die Dramatik der Geschichte besteht darin, dass die Rettung (das Haus) unmittelbar nahe ist, jedoch nicht wahrgenommen wird (wegen des Schneesturms) und stattdessen mit viel Anstrengung ein Unternehmen gestartet wird (der Bau eines Iglu), das den sicheren Tod jedoch nur minimal verzögert und insofern vollkommen sinnlos ist.

Diese Kindergeschichte könnte auch ein Gleichnis für die Kraft sein, die Gott uns anbietet. Die Kraft Gottes wäre dann das Haus, das wir auf unserem Lebensweg suchen. Jeder Mensch ist auf der Suche nach dem erfüllten, sinnvollen, glücklichen Leben. Das ist nichts anderes als die Suche nach Gott, wie man es auch immer nennt. Momentan suchen wir nach der Kraft, die uns durch die Krise trägt. Was sind die Schneeflocken, das dichte Schneetreiben, das uns zur Zeit hindert, Gott zu erkennen, seine Kraft zu spüren in unserem eingeschränkten Alltag? Es sind die Sorgen, die wir uns machen, um unsere Gesundheit, um unsere materielle Existenz, um das Leben mit der unsichtbaren Bedrohung.

Der Schneesturm sind aber auch unsere unnützen Versuche durch Konsum oder Drogen, durch exzessive Nutzung der Medien, durch Flucht vor uns selbst und aus unseren sozialen Bindungen Heilung zu finden für unsere unruhige Seele. Das Iglu wäre dann unser Versuch, uns mehr oder weniger erfolgreich zu schützen. Doch wir spüren, dass das nicht genügt. Die Verunsicherung wird auch durch 1½ Meter Abstand und Mundschutz nicht genommen.

Bei Petterson und Findus kommt ein Freund zu Hilfe und führt sie in das nahe Haus. Der Schneesturm ist dadurch nicht weg. Aber sie können in dem Haus das Ende des Sturms gelassen abwarten und sich sicher fühlen.

Der Glaube an die Kraft, die Gott uns gibt, der Glaube, den uns unser Freund Jesus von Nazareth gezeigt hat, ist das Haus, dem wir ganz nahe sind, auch wenn wir es vor lauter Sorgen manchmal nicht sehen. Der Prophet Jesaja spricht zu Menschen, die müde geworden sind in ihrem Glauben, die keine Hoffnung mehr haben auf Erlösung, die nicht mehr damit rechnen, dass sich ihre Lebenssehnsucht erfüllt. Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen – das bezieht sich auf den Glauben, auf das Vertrauen in Gott und sein Handeln. Menschen werden angesprochen, die das Heil und die Wirklichkeit Gottes nicht mehr wahrnehmen können, obwohl diese doch so nahe ist.

Jörg Zink sagt: die Wirklichkeit Gottes umgibt uns permanent, sie ist ständig um uns. Wir sind von ihr nur durch eine ganz dünne Haut, eine zarte Membran getrennt. Könnten wir ein kleines Loch in diese Membran bohren, würden wir die Herrlichkeit Gottes erblicken. Oder, wenn der Schneesturm aufhören würde, sähen wir das rettende Haus vor unserer Nase.

Das gilt auch jetzt in dieser Zeit, Gott ist uns ganz nah. In seinem Haus des Glaubens können wir uns bergen, können wir diesen Sturm des Lebens gelassen vorbeiziehen lassen. Wenn Deuterojesaja von Kraft und Stärke spricht, so geht es ihm um Vertrauen auf Gott bei der Suche nach erfülltem Leben. 

Sein Volk hat sich von Gott entfernt. Sie können nicht mehr glauben, dass Gott ihren Weg leitet und ihnen Recht schafft. Warum hat Gott diesen Virus zugelassen? Diese uralte Frage hat mir neulich jemand gestellt. Von Gottes Handeln ist damals für die Israeliten nichts zu erkennen. Das Volk ist im Exil. Jerusalem und der Tempel sind zerstört. Die Heimat ist weit weg. 

Der Prophet, wahrscheinlich selber unter den in Babylon Exilierten, macht dem Volk Mut, zu glauben, entgegen dem Augenschein. Er argumentiert dabei mit der Schöpfermacht Gottes. Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat dies geschaffen? Gottes Macht ist universal, sagt der Prophet. Seine Macht ist nicht an den Grenzen Israels zu Ende, sie reicht vielmehr bis nach Babylon, ja um die ganze Welt. Er hat die ganze Welt geschaffen. Diesen uraltisraelitischen Glaubenssatz ruft er seinem Volk ins Gedächtnis.

Und er folgert, wenn das so ist, wenn Gott die ganze Welt geschaffen hat, dann ist er auch jetzt noch der Handelnde, trotz Exil, trotz der dem scheinbar entgegenstehenden äußeren Umständen, trotz Schneesturm, trotz Pandemie. Und Deuterojesaja wirbt um Vertrauen in Gott. Er führt den Glauben zurück auf das Vertrauen. Hier ist das Mutmachen des Propheten heute so aktuell, wie damals im Exil.

Glaube ist das Vertrauen auf Gott in allen Lebenssituationen, seien die Umstände dem auch noch so sehr entgegenstehend. Glaube ist das Öffnen der Augen für die uns ständig umgebende Gegenwart Gottes.

Elisabeth Barret-Browning, eine englische Dichterin des 19. Jahrhundert, schreibt:
"Die Erde ist mit Himmel vollgepackt,
und jeder gewöhnliche Busch brennt mit Gott –
Aber nur der, der es sieht, zieht die Schuhe aus.
Die anderen sitzen herum und pflücken Brombeeren."

Für diese Sichtweise des Glaubens wirbt der Prophet, für das Sehen der Gegenwart Gottes in unserem ganz alltäglichen Leben. Kraft und Stärke und Hoffnung für unser Leben kommen aus dem Glauben. Wer in dieser Gegenwart Gottes zu leben lernt, im Vertrauen auf ihn sein Leben gestaltet, der findet den Weg zum Haus, zur Erfüllung, zum Glück, zur Hoffnung und zur Gelassenheit.

Denn, die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

GEBET
Liebender Gott, schau auf deine Familie. Komm der Menschheit zu Hilfe, die durch großes Leid geht. Tröste die Weinenden, und steh all denen bei, die sich mutig den Herausforderungen stellen und Solidarität leben. Durch die Auferstehung Christi öffnest du uns einen unbekannten Horizont, an dem ein neues Licht erscheint. Dann können wir, wie am Ostermorgen, neue Hoffnung schöpfen und mit unserem Leben sagen: „Christus ist auferstanden! – Ja, er ist wahrhaft auferstanden!“
(Gebet von Frère Alois, Taizé)

VATERUNSER
Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

SEGEN
Der Gott allen Trostes und aller Verheißung, segne und behüte dich.
Er begleite dich mit seiner unerschöpflichen Liebe.
Gott lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Seine Güte schafft neues Leben.
Gott wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Heil.
Schutz und Schirm vor allem Bösen.  
Stärke und Hilfe zu allem Guten.
Sei gesegnet!  
Geh in Frieden!

Pfarrer Jörg E. Vogel



DIE OSTERBOTSCHAFT AUS TAIZÉ

OSTERN 2020

Ein neues Licht geht auf.

Während tagtäglich düstere Nachrichten auf uns einstürzen, bitten wir Gott um Hilfe für die Menschheit, die nicht nur an den Auswirkungen des Coronavirus, sondern auch an vielen anderen Dingen leidet. Wir vertrauen Gott die Kranken an, ihre Familien, ihre Freunde und alle, die sich um sie kümmern und sie pflegen.

Wir beten zu Gott. Aber achten wir auch darauf, dass wir uns in unserer Not nicht verschließen und nicht einfach nur darauf warten, dass diese schwere Zeit vorübergeht und alles wieder so wird wie vorher. Wir bitten Gott, aber Gott bittet auch uns. Er möchte, dass wir ihm zuhören. Vielleicht möchte er uns ja auch sagen: „Wacht auf!“

Nicht, dass Gott die Menschheit bestrafen möchte. Nein, niemals! Er ist der barmherzige Gott und ist jedem Menschen nah. Er „kann nur seine Liebe schenken“, wie im 7. Jahrhundert Isaak von Niniveh, ein Glaubender aus dem Osten, gesagt hat – Worte, die Frère Roger oft wiederholt hat.

Ja, Gott liebt jeden Einzelnen von uns. Und weil er uns liebt, spricht er zu uns. Will er uns nicht sagen: Schaut, wie sehr ihr aufeinander angewiesen seid, Menschen untereinander, aber auch Länder und Völker. Schaut, wie sehr ihr menschliche Gemeinschaft braucht und wie sehr eure Zukunft davon abhängt, wie ihr mit der Schöpfung umgeht.

Die bedrohliche Pandemie macht auf einen Schlag deutlich, dass unsere Gesellschaften eine grundlegende Veränderung brauchen. – Nach wie vor werden Unsummen für Rüstungszwecke ausgegeben, während ein winziger Teil davon ausreichen würde, um unzähligen Menschen auf der Welt ihre Würde zurückzugeben.

Viele Menschen stellen sich mit Mut der Herausforderung und zeigen Solidarität. Sie opfern sich auf, manchmal unter Einsatz ihrer Gesundheit und ihres Lebens, damit das Leben trotz der Epidemie weitergeht.

Ja, die harte Zeit, die wir alle durchleben, ist ein Aufruf zu brüderlicher Gemeinschaft. Viele Menschen geben bereits eine Antwort darauf. Doch welches Licht kann uns die Osterbotschaft heute außerdem noch schenken?

Am Ostermorgen kommt Maria von Magdala und berichtet den Aposteln, dass das Grab Jesu leer sei. Wir alle können uns vorstellen, welchen Schrecken das bei den Aposteln ausgelöst hat: Zur Katastrophe des schändlichen Todes Jesu am Kreuz kommt noch hinzu, dass nun sein Leichnam verschwunden ist. Es ist, als wäre auch die allerletzte Spur von Hoffnung, die er geweckt hatte, verschwunden. Petrus und Johannes laufen zum Grab. Dort angekommen schaut Petrus nach und zweifelt. Der andere Jünger „sieht und glaubt“.

Was bringt diesen Jünger so spontan zum Glauben? Wie kann er an dem leeren Grab erkennen, dass Jesus auferstanden ist? Wir werden es nie erfahren. Aber er scheint in diesem Moment etwas von der Schrift verstanden zu haben. Denkt er vielleicht an das Wort aus den Psalmen: „Du lässt deinen Freund den Tod nicht schauen.“? Sagt er sich vor dem leeren Grab vielleicht: In der Tat, das hatte ich nicht gedacht; das hatte ich nicht verstanden?

Die Wirklichkeit der Auferstehung Jesu übersteigt unsere Vorstellungskraft. Sie lässt sich nicht „beweisen“, aber sie öffnet einen unbekannten Horizont. Krankheit, Gewalt und Tod haben nicht mehr das letzte Wort. Ein neues Licht erscheint. Die Auferstehung verändert nicht nur unseren Blick auf das Leben, sondern sie verwandelt auch diejenigen, die sie annehmen, und verleiht ihnen ungeahnte Kräfte. Sie macht die Jünger Jesu zu einer Gemeinschaft, die das Leben Gottes ausstrahlt.

Für viele ist das Eingesperrtsein in diesen Wochen schwer zu ertragen – ich denke vor allem an Alleinstehende, an Familien, die auf engstem Raum zusammenleben müssen, an diejenigen, die von ihren Familien abgeschnitten sind, an Obdachlose ... Mögen diese Einschränkungen unseren Horizont nicht einengen! Möge die Osterbotschaft uns neue Dimensionen eröffnen und uns eine Weite schenken!

Im Gebet, so arm es auch sein mag, können wir das Licht der Osterbotschaft annehmen. Wir können erleben, dass es möglich ist, unser persönliches und unser gemeinschaftliches Verhalten zu ändern, und auf eine neue Zukunft für uns und die Menschheit zuzugehen. Wir können unsere Fantasie sich entfalten lassen, um eine neue Solidarität zu leben.

Der auferstandene Christus sendet seine Jünger in die Welt, nicht um die Menschheit in ein religiöses System zu pressen, sondern damit ihr Leben die Hoffnung auf Frieden und auf Erfüllung für die ganze Schöpfung ausstrahlt.

Lassen wir uns also vom Osterlicht berühren und grüßen wir uns mit der Botschaft des Ostermorgens: „Christus ist auferstanden! – Ja, er ist wahrhaft auferstanden!“

Frère Alois

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