Andacht zum Gründonnerstag

© Leonardo da Vinci
Veröffentlicht am Mo., 6. Apr. 2020 17:46 Uhr
Predigten

Liebe Gemeinde,
Sie haben die Möglichkeit, sich die Andacht von Pfarrerin Gorgas anzuhören oder sie im folgenden zu lesen. Oder am allerbesten beides: "Das Hörspiel" starten und mitlesen.



Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

Herzlich willkommen an diesem Gründonnerstag 2020, an dem wir in diesem Jahr kein gemeinsames Abendmahl feiern können. Dennoch sind wir in diesen Tagen verbunden im Vertrauen auf Gott. Darum können wir auch heute unser Leben miteinander teilen.

Das Wort der Schrift für den heutigen Tag steht in Psalm 111:
Er hat ein Gedächtnis gestiftet seiner Wunder, der gnädige und barmherzige Herr. In dieser Zuversicht beten wir mit Worten dieses Psalmes:
Ich danke dem Herrn von ganzem Herzen im Rate der Frommen und in der Gemeinde. Groß sind die Werke des HERRN, wer sie erforscht, der hat Freude daran. Er sandte Erlösung seinem Volk und gebot, dass sein Bund ewig bleiben soll. Heilig und hehr ist sein Name. Die Furcht des HERRN ist der Weisheit Anfang. Wahrhaftig klug sind alle, die danach tun. Sein Lob bleibet ewiglich.
Amen.

LESUNG AUS DEM MATTHÄUSEVANGELIUM (26. Kapitel)
Das Abendmahl: Aber am ersten Tag der Ungesäuerten Brote traten die Jünger zu Jesus und sprachen: Wo willst du, dass wir dir das Passalamm zum Essen bereiten? Er sprach: Geht hin in die Stadt zu einem und sprecht zu ihm: Der Meister lässt dir sagen: Meine Zeit ist nahe; ich will bei dir das Passamahl halten mit meinen Jüngern. Und die Jünger taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, und bereiteten das Passalamm. Und am Abend setzte er sich zu Tisch mit den Zwölfen. Und als sie aßen, sprach er: Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten. Und sie wurden sehr betrübt und fingen an, jeder einzeln zu ihm zu sagen: Herr, bin ich's? Er antwortete und sprach: Der die Hand mit mir in die Schüssel taucht, der wird mich verraten. Der Menschensohn geht zwar dahin, wie von ihm geschrieben steht; doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird! Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre. Da antwortete Judas, der ihn verriet, und sprach: Bin ich's, Rabbi? Er sprach zu ihm: Du sagst es. Als sie aber aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach's und gab's den Jüngern und sprach: Nehmet, esset; das ist mein Leib. Und er nahm den Kelch und dankte, gab ihnen den und sprach: Trinket alle daraus; das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden. Ich sage euch: Ich werde von nun an nicht mehr von diesem Gewächs des Weinstocks trinken bis an den Tag, an dem ich aufs Neue davon trinken werde mit euch in meines Vaters Reich. Und als sie den Lobgesang gesungen hatten, gingen sie hinaus an den Ölberg.

MEDITATION ZUM ABENDMAHL
Kommt, denn es ist alles bereit!

Herzlich willkommen! Bartholomäus, Jakobus, Andreas, Judas, Petrus, Johannes, Thomas, Jacobus, der du der Ältere genannt wirst, Philippus, Matthäus, Thaddäus und Simon, genannt der Zelot. Herzlich willkommen, wie schön, dass ihr der Einladung gefolgt seid und Platz genommen habt am gedeckten Tisch. Ich freue mich, Euch zu sehen. Ich kenne euch. Aus vielen Erzählungen, aus weitergesagten Beschreibungen, ich habe von euch gelesen, wieder und wieder. Kenne ich Euch?

Ich habe ein Bild von euch im Kopf und eins im Herzen. Ihr seid abgebildet worden, wieder und wieder. Einmal von Leonardo da Vinci, dem großen Maler und Erfinder und Künstler. Er hat sein Bild von euch erfunden, es geht bis heute um die Welt. Lange, sehr lange, fast zwei Jahre lang hat Leonardo über euch nachgedacht. Wieder und wieder hat er zwischen 1496 und 1498 in einem Mailänder Kloster im Speisesaal versucht, euch kennenzulernen. Immer neu hat er die Farben gemischt, hat er eure Gesichter verändert, übermalt. Er wollte einen Blick von Euch, einen Augenblick festhalten. Dazu brauchte er Zeit. So wie wir alle Zeit brauchen, um einen Menschen kennenzulernen. Manchmal bekommen wir sogar einen Herzensaugenblick geschenkt. Wenn wir uns Zeit nehmen. Wenn ich Geduld habe mit den anderen und mit mir.

Herzlich willkommen also ihr alle an diesem Tisch. Zwölf Männer seid ihr. Die Zahl der Vollkommenheit, in mittelalterlicher Vorstellung sogar der Mensch in seiner Vollkommenheit. Ich spüre, wie sich Widerspruch regt in mir. Wieso zwölf Männer, wo sind die Frauen, wo die Kinder? Das ist doch ein Skandal? Sind nicht alle eingeladen?

Ja, es sind alle eingeladen. Aber wenn ich so darüber nachdenke, will ich vielleicht gar nicht eingeladen sein in dieses Szenenbild.  Denn ich weiß doch, dass es gerade um Leben und Tod geht. Leonardo hat nicht irgendeine Szene gemalt. Er hat eine Frage gemalt und gebildet. Seit Menschengedenken ist sie in der Welt. Es ist die Frage nach der Verantwortung, die ich für mein Leben habe. Die Frage nach dem Bild, das ich von mir und meinem Nächsten habe. Es ist die Frage nach Gott und meiner Beziehung zu ihm.

Ich habe von euch gehört, ihr Männer aus dem Heiligen Land zu biblischer Zeit. Ich kenne die Geschichte vom letzten Abendmahl, das Jesus mit seinen Freunden hält.

Kenne ich sie? Ich weiß, dass schon die biblischen Autoren ihre Deutung der letzten Stunden im Leben von Jesus weitergesagt und später aufgeschrieben haben. Vielleicht, weil sie vor der Gottesfrage genauso ratlos standen, wie ich es heute tue. Vielleicht, weil der Augenblick, den Leonardo da Vinci mehr als 1400 Jahre nach den Ereignissen in Jerusalem ins Bild gesetzt hat, nichts mit Zeit und Raum zu tun hat. Die Frage nach dem Augenblick der Entscheidung ist eine immerwährende. Die Frage lautet: Herr, bin ich’s?

“Einer von euch wird mich verraten.” Jesus sagt diesen Satz. Jeder und jede von uns hat diesen Satz schon erlebt. Im eigenen Leben. Am eigenen Leib. Und jede und jeder von uns hat diesen Satz schon Wirklichkeit werden lassen. Ich weiß das für mich nur zu gut. Ich kenne mich. Will ich dazu ‚Herzlich willkommen‘ sagen?

Ist es nicht besser, das Bild zu verlassen, zu verschwinden, lieber keine Farbe zu bekennen? Alle Schuld auf Judas, den Verräter! Das ist doch so leicht. Und ich bin raus.

“Bleib da!“, sagt Gott. „Nimm Platz, ich lade dich ein, mein geliebtes Menschenkind. Ich kenne dich doch. Ich habe nicht nur ein geniales Bild von dir. Ich habe dich gekannt, noch ehe du gebildet wurdest im Mutterleib. Du bist mein Ebenbild. Bis in alle Ewigkeit.”

Ich höre und staune.
Und ich beginne, neu zu glauben.

Jesus, der Herr, lädt mich ein. Platz zu nehmen an seinem Tisch. Er sagt das große ‚Herzlich willkommen‘ meines Schöpfers weiter. Er bereitet vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde und schenkt mir voll ein. Was für ein Bild. Bunt und schön, voller Leben.

Ich nehme die Einladung an. Ich bleibe. Für diesen Augenblick. Amen


FÜRBITTE
Jesus Christus, dein Wort rettet uns. Dein Brot erhält unser Leben. Dein Kelch stärkt unsere Hoffnung. Dass das Sehnen in uns wach bleibe nach den Gaben deines Tisches; dazu hilf uns um deiner Liebe willen.

Wir beten:
Für alle, die in dieser Krise um jedes Leben kämpfen, bitten wir: Gott, sei ihre Zuversicht! Für alle, die verzweifelt sind und mutlos, bitten wir: Gott, sei ihre Zuversicht! Für alle, die Verantwortung tragen und die nach Lösungen für die Probleme unserer Tage suchen, bitten wir: Gott, sei ihre Zuversicht! Für alle, die heute geboren werden und ihr Leben vor sich haben, bitten wir: Gott, sei ihre Zuversicht! Für alle, die heute sterben und durch das Dunkel des Todes hindurchgehen, bitten wir: Gott, sei ihre Zuversicht! Für alle Menschen weltweit, die durch ihren Glauben Hoffnung in unsere Zeit tragen, bitten wir: Gott, sei ihre Zuversicht! Für uns, dass wir nicht verzagen, sondern mit Gottvertrauen tun, was wir tun können, bitten wir: Gott, sei unsre Zuversicht!

VATERUNSER
Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

SEGEN
Keinen Tag soll es geben, an dem du sagen musst: niemand ist da, der mich hält.
Keinen Tag soll es geben, an dem Du sagen musst: Niemand ist da, der mich schützt.

Keinen Tag soll es geben, an dem du sagen musst: Niemand ist da, der mich liebt.
Es segne und behüte uns, Gott, der Allmächtige und der Barmherzige, Vater, Sohn und Heiliger Geist.

Amen

Pfarrerin Barbara Gorgas

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