Palmsonntag: Liebe rechnet nicht

© Jean-Otto Domanski
Veröffentlicht am Sa., 4. Apr. 2020 10:42 Uhr
Predigten

Liebe Gemeinde,
Sie haben die Möglichkeit, sich die Predigt quasi "live" mit Pfarrer Jean-Otto Domanski und Manuel Rösler an der Orgel in der Martinus-Kirche (als aufgezeichnetes Video) anzusehen oder sie im folgenden zu lesen. Oder am allerbesten beides: Video starten und mitsingen und mitlesen.



LIED: Meine Hoffnung und meine Freude
Meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke, mein Licht, Christus, meine Zuversicht, auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht, auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht.

PSALM 96
Hilf mir Gott, das Wasser steht mir bis zum Hals!
Ich versinke in brodelndem Schlamm,
meine Füße finden keinen Halt
und die Strömung reißt mich mit sich fort.
Bis zur Erschöpfung habe ich geschrien,
mein Hals ist heiser.
Meine Augen sind müde geworden,
vom Ausschau halten nach dir, meinem Gott.
Doch ich bete zu dir Herr!
Hilf mir in zu der Zeit, die du bestimmst.
Auf dich ist doch Verlass.
Lass mich nicht im Schlamm versinken.
Zieh mich heraus aus dem tiefen Wasser,
damit die Strömung mich nicht fortreißt,
und der Abgrund mich nicht verschlingt,
Antworte mir, denn deine Güte tut mir gut
in deinem tiefen Erbarmen wende dich mir zu.
Amen.

LIED und GEBET: Gib uns deine Kraft
Gib uns deine Kraft, wenn wir mit unserer Kraft am Ende sind. Gib uns deinen Geist, wenn wir nichts mehr verstehen. Gib uns deine Liebe, dass wir mit offenen Augen, die Nöte unsres Nächsten sehn.

Gott wir sitzen zu Hause und sehen das Unheil, dass das Virus über die Welt bringt, wie eine Naturkatastrophe in Zeitlupe. Und wir haben Angst, dass es auch uns treffen könnte oder die Menschen, die wir lieben. Wir halten Abstand, obwohl wir uns nach Nähe sehnen, und hoffen, dass Ärzte, Pfleger und Krankenhäuser nicht zusammenbrechen. Und wir ahnen, dass die Welt danach eine andere sein wird. Wir bitten dich, gib uns deine Kraft.

Gib uns deine Kraft, wenn wir mit unserer Kraft am Ende sind. Gib uns deinen Geist, wenn wir nichts mehr verstehen. Gib uns deine Liebe, dass wir mit offenen Augen, die Nöte unsres Nächsten sehn.

Gott wir sitzen zu Hause und machen uns Sorgen um unsere Arbeit und unser Geld. Wir gehen uns gegenseitig auf die Nerven, verbringen viel zu viel Zeit am Handy und zu wenig an der frischen Luft. Dabei geht es uns gut. Wir haben ein Dach über dem Kopf, genug zu essen, die Möglichkeit, Abstand zu halten, und zugleich mit anderen in Kontakt zu bleiben. Alles Dinge, die nicht selbstverständlich sind. Lass uns das nicht vergessen. Wir bitten dich, gib uns deinen Geist.

Gib uns deine Kraft, wenn wir mit unserer Kraft am Ende sind. Gib uns deinen Geist, wenn wir nichts mehr verstehen. Gib uns deine Liebe, dass wir mit offenen Augen, die Nöte unsres Nächsten sehn.

PREDIGT
Wir feiern Palmsonntag, den letzter Sonntag vor Ostern. Mit Palmsonntag beginnt der Teil der Geschichte Jesu, der nicht mehr lustig ist. Noch 5 Tage, dann wird er hingerichtet, die Situation spitzt sich zu - und damit zugleich die Frage, wie die Menschen in seiner Umgebung zu Jesus stehen, wie wir zu ihm stehen, wie nah wir ihm kommen und wie nah er uns kommen darf.

Jesus zieht in Jerusalem ein und wird von der Menge begeistert empfangen. Die Menschen jubeln ihm zu wie einem Popstar, ja mehr noch wie einem Befreier. Sie reißen Zweige von den Bäumen und sich die Kleider vom Leib, damit der darüber reiten kann. Sie erwarten, dass Jesus ihr Elend beendet, Gottes Macht zum Durchbruch verhilft, die Römer aus dem Land wirft und Israel zu alter Größe führt. Aber Jesus kommt nicht als Anführer eines gewaltsamen Umsturzes, wie es viele - auch von seinen Jüngern - es gehofft haben. Er kommt nicht hoch zu Ross. Er reitet auf einem Eselsfüllen. Er kommt nicht um die Macht an sich zu reißen, er kommt, um den Weg der Liebe zu Ende zu gehen, bis zum bitteren Ende. Er kommt, um Gottes Liebe zu bezeugen, die sich lieber schlagen und demütigen lässt, als andere zu Opfern zu machen.

Jesus streitet mit den führenden Priestern, diskutiert mit Pharisäern und Sadduzäern, er schmeißt die Geschäftemacher und Geldwechsler aus dem Tempel und in seinen Gegnern reift der Plan, ihn zu beseitigen. Aber noch ist das Volk auf seiner Seite - noch trauen sie sich nicht, bis Judas ihn verrät. Wir wissen, was dann kommt: Verhaftung, falsche Zeugen, Folter und schließlich ein qualvoller Tod. Aber noch ist es nicht so weit, noch ist Jesus frei. Das ist die Situation, in der die Geschichte spielt, die der Predigttext für diesen Sonntag ist.

Jesus war in Bethanien Gast bei Simon, der früher einmal leprakrank gewesen war. Während der Mahlzeit kam eine Frau. In ihren Händen hatte sie ein Glas mit kostbarem Öl. Sie zerbrach dieses Gefäß und salbte mit dem Öl das Haupt Jesu. Darüber regten sich einige Gäste auf: "Was soll diese Verschwendung?" fragten sie verärgert. "Dieses Öl ist ein Vermögen wert. Das Geld hätte man lieber den Armen geben sollen!" So machten sie der Frau Vorwürfe. Aber Jesus sagte: "Lasst sie in Ruhe! Warum bringt ihr sie in Verlegenheit? Sie hat eine gute Tat an mir getan. Arme, die eure Hilfe nötig haben, wird es immer geben. Ihnen könnt ihr jederzeit helfen. Aber ich bin nicht mehr lange bei euch. Diese Frau hat getan, was sie konnte. Mit ihrem Öl hat sie meinen Leib zum Begräbnis vorbereitet. Und das ist ganz sicher: Überall in der Welt, wo man Gottes Heilsbotschaft verkünden wird, da wird man auch von dieser Frau sprechen und von dem, was sie getan hat!" (Markusevangelium 14, 3-9)

Liebe rechnet nicht - so könnt die Geschichte aus dem Markusevangelium überschreiben. Es ist eine Geschichte über Zärtlichkeit und Kraft, Hingabe und Verschwendung. Nur angedeutet wird diese Liebesgeschichte, sie bleibt im Hintergrund, so wie die Frau selbst. Wir erfahren nichts über ihr Alter oder Aussehen, ihre Lebensverhältnisse, Sorgen und Hoffnungen. Ja sie selbst bleibt stumm und namenlos.

Aber es berührt mich, was sie tut. Ihre ganze Liebe bringt sie in einer Geste zum Ausdruck, so wie alle Liebenden Gesten suchen, die den Geliebten erreichen. Ihre Liebe überwindet Grenzen und ungeschriebenen Gesetze. Keine Frau durfte ungestraft die Mahlzeit der Männer stören. Aber sie fragt nicht danach, was sich schickt. und auch nicht danach, was sich rechnet. Sie hat kostbares Salböl mitgebracht, einen Luxusartikel aus dem fernen Indien, und sie misst nicht, wie es vernünftig wäre, ein oder zwei Tropfen des kostbaren Öls ab, sondern leert verschwenderisch das ganze Gefäß. Alles oder nichts, jetzt oder nie.

Es ist schon ungewöhnlich, was sie tut, die namenlose Frau in dieser Geschichte, sogar ein bisschen verrückt, weil die Liebe Menschen manchmal dazu bringt, Grenzen zu sprengen und verrückte Dinge zu tun. Liebe rechnet nicht. Aber so eine Geste muss andere irritieren. Einige der Gäste regen sich auf, machen der Frau Vorwürfe. Und haben sie nicht Recht? "Dieses Öl ist ein Vermögen wert. Das Geld hätte man lieber den Armen geben sollen!" Aus ihnen spricht nicht nur der gesunde Menschenverstand, sondern auch die Bereitschaft, Verantwortung für andere zu übernehmen. Vielleicht sind sie ja bei Jesus in die Schule gegangen. Er selbst hat es doch vorgelebt: In den Ärmsten das Gesicht Gottes wiedererken-nen.

Sie haben doch Recht, und Jesus bestätigt es ihnen auch: Arme, die eure Hilfe nötig ha-ben, wird es immer geben. Ihnen könnt ihr jederzeit helfen. Aber im selben Moment vertei-digt Jesus die Frau gegen alle berechtigten Einwände. Er nimmt sie in Schutz, ihrer Hingabe, bedingungslosen Zuwendung, ihrer unvernünftigen Geste der Verschwendung. Er wehrt ihre Zärtlichkeit nicht ab. Im Gegenteil, er verteidigt er sie. Er spürt die Größe ihrer Liebe in der Wärme ihrer Hände und im Geruch des duftenden Öls. Warum bringt ihr sie in Verlegenheit? Lasst sie in Frieden. Sie hat getan, was sie konnte. Ein tiefes Verstehen liegt in seinen Worten, ein Wiedererkennen der Liebe, die er selber lebt.

Was für ein Kontrast: auf der einen Seite die sanften Hände einer Frau, auf der anderen Seite die rohe Gewalt und Zerstörung, die schon in wenigen Tagen Jesu Körper zum Gegenstand sadistischer Quälerei machen wird. Und doch macht die Qual die Liebe nicht wertlos. Liebe rechnet nicht.

Aber die Geschichte hat noch eine andere Ebene. Die Liebe der Frau ist wie ein Spiegel für das was Gott selbst tut, wie ein Spiegel für die Zärtlichkeit und Nähe, die wir im Leben Jesu wieder erkennen können, in seiner Zuwendung zu denen, die auf Liebe oder auf Heilung warten, oder auf seinen Segen, wie die Mütter mit ihren Kindern. Es ist dieselbe Art Grenzen zu überschreiten, wenn Jesus mit Zolleinnehmern und Ausgestoßenen isst, sehr zum Ärger der Frommen, die genau wissen, wer dazu gehört und wer nicht. So wie diese Frau hat sich Jesus in ihren Augen oft genug danebenbenommen.

Wie in der Geste der Frau wird im Leben Jesu die bedingungslose Liebe sichtbar, die Grenzen überschreitet, und mehr noch als in seinem Leben wird diese Liebe in seinem Sterben sichtbar. Jesus selbst weist darauf hin: Sie hat getan, was sie konnte, sagt Jesus. Mit ihrem Öl hat sie meinen Leib zum Begräbnis vorbereitet. Es sind noch fünf Tage bis Karfreitag, dem dunkelsten Kapitel, und doch wird gerade in diesem qualvollen Sterben das verschwenderische der Liebe Gottes sichtbar, die nicht rechnet. Einer Liebe die sich lieber schlagen und umbringen lässt als aufzugeben - und die nicht tot zu kriegen ist.

Liebe rechnet nicht. In der Vorahnung seines Todes sucht die Frau die Nähe zu Jesus, um ihre Liebe zu zeigen - ohne sich abschrecken zu lassen und ohne zu rechnen. Wir müssen Abstand halten, um die Alten und Schwachen zu schützen und die Menschen mit Vorer-krankungen. Wir müssen unsere Lieben anders ausdrücken. Und es kostet etwas. Und auch bei uns gibt es die Fragen, ob sich das rechnet, ob wir nicht auf zu viel verzichten und ob das wirklich sein kann, dass wir seit Menschengedenken an Ostern keine Gottesdienste in den Kirchen feiern. Deshalb bin ich froh und dankbar, dass wir inzwischen so viele Mittel haben, verbunden zu bleiben, auch wenn wir körperlich Abstand halten müssen.

Wo stehen wir in dieser Geschichte? Bei denen, die nicht zu Unrecht darauf hinweisen, was man mit dem Geld alles hätte machen können? Bei der Frau, die nur den einen Gedanken hat, Jesus nahe zu sein und ihre Liebe sichtbar werden zu lassen? Bei Jesus? Wie nah kommen wir Jesus? Wie nah lassen wir ihn an uns heran? Lassen wir uns berühren? Amen.

LIED: Meine Hoffnung und meine Freude
Meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke, mein Licht, Christus, meine Zuversicht, auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht, auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht.

GEBET
Gott, Ungewissheit und Angst bestimmen unsere Gedanken in diesen Tagen. Wir sorgen uns um die, die wir lieben. Wir vertrauen sie deiner Liebe an. Behüte du sie.

Wir sorgen uns um das Zusammenleben in unserem Land und um das Zusammenleben in unseren Familien. Das Virus bedroht die Schwachen und Kranken am meisten. Wir vertrauen sie deiner Liebe an. Behüte du sie.

Wir bitten für die Jungen, für die Gesunden, für die Kranken und die Sterbenden. Wir vertrauen sie deiner Liebe an. Behüte du sie.

Wir danken dir für alle, die in Krankenhäusern und Laboren arbeiten, für alle, die Kranke pflegen, Eingeschlossene versorgen und sich um andere kümmern. Wir vertrauen sie deiner Liebe an. Behüte du sie.

Gott, du weißt was uns bewegt, und was wir brauchen. Manchmal weißt du es besser als wir. Alles legen wir in deine Hand. - Vater, ich danke Dir, dass Du uns hörst.

Vater unser in Himmel, geheiligt werde Dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auch auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen, denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

SEGEN
Der HERR segne dich und behüte dich. Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der HERR erhebe sein Angesicht auf dich und schenke dir Frieden. Amen.

Pfarrer Jean-Otto Domanski

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