In dir ist Freude in allem Leide

© Jörg E. Vogel
Veröffentlicht am Sa., 21. Mär. 2020 16:54 Uhr
Predigten

Liebe Gemeinde,

Sie haben die Möglichkeit, sich die Predigt "live" in der Hoffnungskirche (als aufgezeichnetes Video) anzusehen oder sie im folgenden zu lesen. Ganz wie Sie mögen!




Wochenspruch
»Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.« (Johannes 12,24)

Wochen-Psalm 84
Wie lieblich sind deine Wohnungen, HERR Zebaoth! Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des HERRN; mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott. Der Vogel hat ein Haus gefunden und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen – deine Altäre, HERR Zebaoth, mein König und mein Gott. Wohl denen, die in deinem Hause wohnen; die loben dich immerdar. SELA. Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke haltenn und von Herzen dir nachwandeln! Wenn sie durchs dürre Tal ziehen, wird es ihnen zum Quellgrund, und Frühregen hüllt es in Segen. Sie gehen von einer Kraft zur andern und schauen den wahren Gott in Zion. HERR, Gott Zebaoth, höre mein Gebet; vernimm es, Gott Jakobs! SELA. Gott, unser Schild, schaue doch; sieh an das Antlitz deines Gesalbten! Denn ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser als sonst tausend. Ich will lieber die Tür hüten in meines Gottes Hause als wohnen in den Zelten der Frevler. Denn Gott der HERR ist Sonne und Schild; / der HERR gibt Gnade und Ehre. Er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen. HERR Zebaoth, wohl dem Menschen, der sich auf dich verlässt!


Evangelium Johannes 12,20-24
Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest. 21 Die traten zu Philippus, der aus Betsaida in Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollen Jesus sehen. 22 Philippus kommt und sagt es Andreas, und Andreas und Philippus sagen's Jesus. 23 Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. 24 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. 25 Wer sein Leben lieb hat, der verliert es; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird's bewahren zum ewigen Leben. 26 Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren.


Predigt zu Jesaja 66, 10-14

Freut euch mit Jerusalem, und jauchzt über sie, alle, die ihr sie liebt! Frohlockt von Herzen mit ihr, alle, die ihr um sie trauert! Damit ihr trinkt und satt werdet an der Brust ihres Trosts, damit ihr schlürft und euch erquickt an ihrer prall gefüllten Mutterbrust. Denn so spricht der HERR: Sieh, wie einen Strom leite ich den Frieden zu ihr und den Reichtum der Nationen wie einen flutenden Fluss, und ihr werdet trinken, auf der Hüfte werdet ihr getragen, und auf den Knien werdet ihr geschaukelt. Wie einen, den seine Mutter tröstet, so werde ich euch trösten, und getröstet werdet ihr in Jerusalem. Und ihr werdet es sehen, und euer Herz wird frohlocken, und eure Knochen werden erstarken wie junges Grün. Und die Hand des HERRN wird sich bekannt machen bei seinen Dienern und sein Zorn bei seinen Feinden.

Zorn bei seinen Feinden

Liebe Gemeinde,
gegen wen richtet sich der Zorn Gottes? Wer sind die Feinde Gottes? Es sind Hunger und Elend, Armut und Hass, Krieg und Feindschaft, Krankheit und – der größte Feind Gottes – der Tod.

Die Feinde Gottes, gegen die sich Gottes Zorn richtet, können auch echte Menschen sein, Menschen, die Tod und Elend, Armut und Trauer über die Völker bringen, Menschen, die andere zum Hass anstiften, die Feindschaft säen und sich am Leiden anderer erfreuen.

Gott kämpft gegen diese Feinde voller Zorn, so lesen wir beim Propheten Jesaja. Und Gott verheißt entgegen allen Erwartungen seinen Sieg über diese Feinde, auch über Krankheit und Tod. Sinnbild für diesen Sieg ist Jerusalem. Freut euch mit Jerusalem, und jauchzt über sie, alle, die ihr sie liebt! Frohlockt von Herzen mit ihr, alle, die ihr um sie trauert! Als der Prophet Jesaja III. dies aufschreibt, gibt es objektiv betrachtet keinen Grund zur Freude.

Der kleine Staat Juda mit seiner Hauptstadt Jerusalem ist ein von den Persern völlig abhängiges Land. Es ist völlig widersinnig, dass es irgendwann einmal umgekehrt sein könnte, dass die Völker ihren Tribut Jerusalem entrichten könnten.

Denn so spricht der HERR: Sieh, wie einen Strom leite ich den Frieden zu ihr und den Reichtum der Nationen wie einen flutenden Fluss, und ihr werdet trinken, auf der Hüfte werdet ihr getragen, und auf den Knien werdet ihr geschaukelt.

In der Realität ist es so, dass der Reichtum aller Nationen nach Persien strömt und nicht nach Jerusalem. Mit Bildern der Freude und der Überfülle malt der Prophet die Hoffnung aus. Und wir, die wir zum Volk Gottes hinzugekommen sind, dürfen uns mitfreuen. Freut euch mit Jerusalem, und jauchzt über sie, alle, die ihr sie liebt! Frohlockt von Herzen mit ihr, alle, die ihr um sie trauert!

Freude in Zeiten der Trauer? Freude in Jerusalem unter der Besatzung und der erbarmungslosen Knute der Perser? Freude mitten in der Passionszeit? Ein Sonntag der Freude zwischen den Passionssonntagen, die das Leiden Jesu thematisieren? Freude in Zeiten von Corona? Wie geht das?

"In dir ist Freude in allem Leide", so singen wir in einem alten Kirchenlied. Gottes Handeln entzieht sich der Erwartung und jeder logischen Ableitung. Gott ist anders, Gott handelt anders. Sie tröstet, wie eine Mutter tröstet, mitten im Leid. Sie handelt gegen alle Vernunft, gegen die reale Macht, gegen jeden Augenschein. Sie ist Hoffnung für leidende Völker und gibt uns Grund zur Freude und Hoffnung in schwierigsten Zeiten für unser Land, für jeden von uns persönlich und für die ganze Welt.

Gebet (Quelle: Instagramm - absolutergigant)
Herr, Du lehrst uns, in Liebe zu leben.
Das ist im Moment nicht einfach, denn was wir erleben, verunsichert uns alle zutiefst.
Der Corona-Virus stellt in Frage, woran wir uns gewöhnt haben.
Das ist ein tiefer Einschnitt und wir spüren, wie zerbrechlich unser Leben ist.

Wir sorgen uns um unsere Gesundheit,
um das Miteinander in der Gesellschaft,
um unsere Zukunft.

Herr, hilf uns, in dieser schwierigen Zeit Kraft zu finden.
Gib uns die Einsicht, achtsam zu sein, weil das mehr als sonst auch unsere Nächsten betrifft.
Hilf uns dabei, uns selbst zurückzunehmen, mehr, als wir das vielleicht gewöhnt sind.
Lass uns sorgsam abwägen, was im Moment wirklich wichtig ist.

Hilf uns, Wege zu finden, um Nähe zu geben, wo wir uns voneinander entfernen müssen.

Herr, wir beten für all die Menschen, die krank, einsam oder verunsichert sind.
Für die, auf die wir zählen, damit das Leben weitergeht.
Für die, die für unsere Gesundheit kämpfen
und für die, die schwierige Entscheidungen treffen müssen.

Herr, wir schauen mit unklarem Blick in die Zukunft.
Gib uns die Kraft, abzuwarten, wo wir uns hilflos fühlen und uns nicht von Angst und Unsicherheit überwältigen zu lassen.
Lass uns mit Herz und Verstand handeln und der Angst Hoffnung und Zuversicht entgegensetzen.
Amen

Segen
Gott segne das Dunkel,
das du nicht verstehst,
und lasse dich schauen
Sein Licht.

Gott segne deine Schwäche
und lasse dich erfahren
Seine Kraft.

Gott segne deine Schmerzen
und die Schreie der Qual
und lasse sie zum Weg werden
zu Ihm.

Gott segne deine Einsamkeit
und lasse sie zur Gemeinschaft
werden mit Ihm.

Gott segne deine Fragen
und öffne dir Ohren und Herz,
dass du seine Antwort verstehst
zu Seiner Zeit.

Gott segne die Ungewissheit
und mache dich gewiss
Seiner Gegenwart.

Gott segne deine Hoffnung
und lasse dich vertrauen,
dass größer als deine Wünsche
Seine Liebe ist.

Gott segne deine schlaflosen Nächte
und lasse den Glauben in dir wachsen,
dass Er dich führt.

(Wilma Klevinghaus)




Der Sonntag Laetare ist unmittelbar mit der Stadt Jerusalem verknüpft. Der Name des Sonntags leitet sich ab von der Antiphon des Psalmgebets (zu Ps 84,2-13): »Freuet euch mit Jerusalem [laetamini cum Hierusalem] und seid fröhlich alle, die ihr sie lieb habt. Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom.« (Jesaja 66,10.12)

Laetare ist ein eigentümlicher Sonntag im Kirchenjahr. Er trägt - wo sie denn vorhanden ist - die liturgische Farbe Rosa, die zwischen dem Violett der Passionszeit und dem Weiß der Christusfeste liegt. Es ist in der Liturgiewissenschaft nicht ganz klar, woher der freudige Charakter dieses vierten Sonntags in der Passionszeit kommt - wahrscheinlich daher, dass »an ihm die Mitte der Fastenzeit erreicht ist. Laetare ist ein Sonntag des Dazwischen: zwischen dem Ernst der Passion und der Vor-Freude auf Ostern, zwischen dem Tod des Weizenkorns und der Frucht, die aus diesem Tod erwächst (so der Wochenspruch aus Joh 12,24, der zugleich Teil der Evangeliumslesung Joh 12,20-24 ist), zwischen Bedrängnis und Trost, zwischen Gottes Verborgenheit und seiner neuerlichen Zuwendung.
»In dir ist Freude in allem Leide« (EG 398) - diese Zeile des Pfarrers und Dichters Cyriakus Schneegaß bringt die Stimmung dieses Sonntags in der Mitte der Passion treffend zum Ausdruck und zeigt, worum es in der Passionszeit grundlegend geht: um ein Wahrnehmen und Ernstnehmen des Leidens und gleichzeitig um ein Hoffen und Vertrauen auf den Gott, der im Leiden nah ist und der alles Leid überwindet.

Das letzte Kapitel des Jesajabuches bringt das diametral unterschiedliche Han¬deln Gottes auf den Punkt: mütterlicher Trost einerseits, harter, erbarmungsloser Umgang mit den Feinden andererseits. Das Ende der Perikope spricht vom »Zorn an seinen Feinden« und leitet über zur »feurigen« Vergeltung, die ab V 15 beschrieben wird. Es wäre - gerade in der Passionszeit - problematisch, diese Ambivalenz auflösen zu wollen. Die Passionszeit ist die Zeit der Erinnerung an Gottes unermüdlichen Kampf gegen das Böse, gegen »Sünde, Tod und Teufel«, gegen den Unfrieden und daher gegen alle seine Feinde.

(Alexander Deeg)



Pfarrer Jörg E. Vogel

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