Nächstenliebe in Zeiten von Corona

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Veröffentlicht am Mo., 16. Mär. 2020 10:34 Uhr
Aus der Gemeinde ...

Wir Menschen sind Herdentiere. Wir brauchen die Nähe und die Bestätigung der Anderen. Wir wollen für andere da sein. Wir brauchen den Körperkontakt, Berührungen und Umarmungen. Auch wenn das Ausmaß bei jedem Menschen unterschiedlich ist, ohne Kontakt verkümmern wir. Und gerade das sollen wir jetzt einstellen: kein Händeschütteln mehr, keine Umarmungen, keine Treffen mit Freunden oder anderen lieben Menschen, keine Gruppen, kein Kino, keine Partys, kein Fitnessstudio und kein Gottesdienstbesuch. Dabei geht es gar nicht in erster Linie darum, selbst gesund zu bleiben. Es geht darum, dass nicht so viele andere krank werden oder sogar sterben.

Für die meisten von uns wird der Kontakt mit dem Corona-Virus glimpflich verlaufen, aber eben nicht für alle. Die Mediziner sagen, dass 60 - 70 % der Bevölkerung Corona bekommen werden. Das lässt sich nicht mehr verhindern, wenn sich ein Virus schon so weit verbreitet hat. Für 80 % von uns wird das keine gravierenden Folgen haben. Aber bei 20 % rechnen die Ärzte mit einem schweren Verlauf und 6 % davon werden nach heutigem Wissensstand so krank, dass sie beatmet werden müssen. Wenn sich also 50 Millionen Menschen in Deutschland anstecken, werden 10 Millionen schwer krank und 3 Millionen müssen beatmet werden. So viele Krankenhausbetten mit Beatmungsgeräten gibt es auch in unserem reichen Land nicht. Deshalb ist es so wichtig, die Ausbreitung zu verlangsamen.

Im Moment verbreitet sich das Virus exponentiell. Das ist für Menschen nicht immer so leicht vorstellbar, weil es unserer normalen Anschauung widerspricht. Es ist wie mit der Aufgabe aus dem Mathematikunterricht: In einem Teich wachsen Seerosen. Jeden Tag verdoppelt sich die Anzahl der Seerosen. Nach 30 Tagen ist der halbe See zugewachsen. Wie lange dauert es, bis der ganze See zugewachsen ist? Die richtige Antwort lautet: einen Tag.

Diese Infektion verhält sich wie Seerosen, die optimale Wachstumsbedingungen haben. Vor zwei Wochen waren es noch eine Handvoll Erkrankte in Deutschland, heute (am Montag, dem 16. März) sind es über Sechstausend und in ein paar Wochen werden es Millionen sein, wenn wir so weiterleben wie bisher.

Deswegen ist es richtig und wichtig, dass die Verantwortlichen in Regierung und Verwaltung das öffentliche Leben lahmlegen, damit die Ansteckung verlangsamt wird. Deshalb ist es auch richtig, dass keine Gottesdienste und Gruppen mehr stattfinden. Auch wenn es allem, was wir fühlen und wollen, zutiefst zuwiderläuft. Es ist richtig, auch wenn die Schließung der Schulen und Kindergärten, der Clubs und Konzerte für viele hohe Kosten mit sich bringt, auch für uns als Gesellschaft. Aber die Kosten, es nicht zu tun, wären sehr viel höher.

Wir wollen anderen nahe sein. Aber Nächstenliebe in Zeiten von Corona bedeutet, genau auf diese Nähe zu verzichten. Für andere da sein können wir auch ohne körperliche Nähe. Fragen Sie Ihre Nachbarn, ob sie Hilfe beim Einkauf brauchen. Rufen Sie Menschen an, denen Sie nahe sein wollen oder die ein offenes Ohr brauchen. Schreiben Sie liebe Nachrichten. Nehmen Sie Menschen in Ihr Abendgebet auf oder beten Sie mit ihnen am Telefon. Und sorgen Sie dafür, dass Sie und möglichst viele Menschen gesund bleiben, indem Sie Abstand halten.

„Gott nahe zu sein, ist mein Glück.“ Dieser Vers aus Psalm 73 war vor ein paar Jahren die Jahreslosung. Menschen, die an Gott glauben, haben das Glück zu wissen, dass Gott nahe ist und dass wir nicht tiefer fallen können als in seine Hand, auch wenn wir untereinander Abstand halten müssen.

Ihr
Pfarrer Jean-Otto Domanski

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