Und Ahab sagte Isebel alles...

© Jean-Otto Domanski
Veröffentlicht am So., 15. Mär. 2020 10:12 Uhr
Predigten

Und Ahab sagte Isebel alles, was Elia getan hatte und wie er alle Propheten Baals mit dem Schwert umgebracht hatte. Da sandte Isebel einen Boten zu Elia und ließ ihm sagen: Die Götter sollen mir dies und das tun, wenn ich nicht morgen um diese Zeit dir tue, wie du diesen getan hast! Da fürchtete er sich, machte sich auf und lief um sein Leben und kam nach Beerscheba in Juda und ließ seinen Diener dort. Er aber ging hin in die Wüste eine Tagereise weit und kam und setzte sich unter einen Wacholder und wünschte sich zu sterben und sprach: Es ist genug, so nimm nun, HERR, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter. Und er legte sich hin und schlief unter dem Wacholder. Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iss! Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen. Und der Engel des HERRN kam zum zweiten Mal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir. Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb.                
(1. Könige 19:1-8, Luther)

Liebe Gemeinde,
ich mache jedes Jahr eine stille Woche, eine Exerzitienwoche, in Kladow. Und mein Begleiter dort sagte mir einmal: „Ich bete jeden Tag dafür, dass ich glauben kann, dass Gott noch etwas mit mir vorhat.“ Das erstaunte mich zuerst, denn er hat ein bewegtes Leben hinter sich, so viel erreicht, so viele Menschen auf ihrem Weg begleitet. Aber ich habe gemerkt: Ja, auch er ist ein Mensch, der oft verzagt ist und nach dem Sinn in seinem Leben sucht.

Glauben, dass Gott noch etwas mit ihm vorhat, das kann Elia in dem Bibeltext, den wir eben als Lesung gehört haben, nicht mehr. Gerade noch stand Elia allein gegen die Priester des fremden Gottes Baal auf dem Berg Karmel und hat auf spektakuläre Weise gezeigt, dass sein Gott, Jahwe, mächtiger ist. Dann hat er diese Priester umbringen lassen, ein Vergeltungsschlag in diesem Religionskrieg, in dem zuvor die Jahwe-Propheten getötet wurden und Elia als Einziger übrig geblieben ist.

In diesem Klima von Gewalt und Verfolgung, wo keine Seite der anderen etwas schuldig bleibt, hat nun die Königin Isebel gedroht, Elia umzubringen. Und Elia hat Angst und läuft um sein Leben, er bricht in der Wüste zusammen und ruft: „Ich kann nicht mehr!“

„Ich kann nicht mehr!“ Elia ist auf einmal kein Held mehr, der für Gott große Dinge erreicht, er ist ein Mensch, der verzagt ist, ja, der des Lebens müde ist. Und ich glaube, diese Geschichte steht in der Bibel nicht für die Helden, sondern für die Verzagten, für die, die nicht mehr können.

Und diese Geschichte will uns zeigen: Gott wendet sich nicht ab, wenn wir nichts mehr leisten können; er lässt uns nicht allein mit unseren Lebens- und Glaubens-Krisen. Nein, er ist nicht nur nahe, wenn wir für ihn arbeiten und in seiner Gemeinde etwas für ihn erreichen.

Er ist uns auf besondere Weise nahe, wenn wir schwach sind und nicht mehr können, auf eine Weise, die wir nicht erfahren würden, wenn es diese Momente in unserem Leben nicht geben würde, diese Momente, wo wir sagen müssen: „Ich kann nicht mehr!“

Niemand wünscht sich solche Momente. Niemand möchte krank sein, niemand möchte von anderen Menschen gedemütigt werden, niemand wünscht sich einen Konflikt. Und niemand wünscht sich eine Pandemie, bei der wir nicht wissen, wie es von Tag zu Tag weiter geht und die uns jetzt dazu bringt, dass wir stillstehen, dass wir untätig sein müssen. Hat Gott uns vergessen? Sieht er uns überhaupt noch? Oder hat er sich abgewendet?

„Siehe, er liegt unter dem Wacholder!“ singt der Tenor in Mendelssohns Oratorium „Elias“. Elia ist bis in die Wüste hinein geflohen, aber Gott sieht ihn noch. Später wird Gott mit Elia über alles sprechen, und Elia wird sich noch bitter bei Gott beklagen. Aber nicht jetzt. Jetzt schickt Gott Elia erst einmal seinen Engel. Und der stellt ihn nicht zur Rede, sondern stellt ihm etwas zu essen hin. Da liegt auf einmal ein geröstetes Brot, da steht ein Krug Wasser. Und Elia isst und trinkt und dreht sich nochmal um und schläft weiter.

Und Gott wartet und versorgt Elia noch ein zweites Mal. Er darf sich Zeit lassen, muss nicht sofort wieder funktionieren.Wieder gibt es Brot und Wasser, und dieses Mal sagt der Engel: „Iss und trink, denn du hast einen weiten Weg vor dir!“ Und da ist es schon angedeutet: Ich habe noch etwas mit dir vor!

So ist es auch mit dem Abendmahl: wir essen das Brot und trinken den Wein nicht, weil wir uns verdient gemacht haben oder bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Wir essen und trinken, weil wir es nötig haben, weil wir dieses Versorgtwerden von Gott so dringend brauchen.

Das Abendmahl ist vor allem für die Verzagten, für die, die sagen: „Ich kann nicht mehr!“ Für sie soll das Abendmahl eine Wegzehrung sein – dass sie wieder zu Kräften kommen und weitergehen können.

Früher, als Kind, konnte ich mit dem Abendmahl nichts anfangen. Es war eine ernste, traurige Angelegenheit für mich, und ich war immer froh, wenn ich es hinter mir hatte. Es war nur eine Oblate, es war nur ein Schluck Wein, und ich habe nicht verstanden, warum ich sie zu mir nehmen sollte. Und, fast unmerklich, ist es dann im Laufe meines Lebens mehr geworden. Jede/r von Ihnen könnte dazu vielleicht seine eigene Geschichte erzählen, wie es für ihn mehr geworden ist.

1. Mich erinnert das Abendmahl immer daran, dass ich Gott etwas bedeute, so viel bedeute, dass er für mich gestorben ist.

2. Und es erinnert mich daran, dass Gott an meiner Seite ist und für mich sorgen will, so wie er das für Elia getan hat. Wir sind nicht allein; für uns wird gesorgt: das zeigen Brot und Wein.

3. Und: Wir werden gestärkt, weil wir noch einen Weg vor uns haben. Diese Ermutigung: ich hab was mit dir vor! Die steckt in jedem Abendmahl.

Erlösung, Stärkung, Gemeinschaft – all das ist das Abendmahl, und gerade jetzt, wo wir es nicht praktizieren können, merken wir vielleicht, wie kostbar es ist, was uns Jesus da für einen Schatz geschenkt hat. Diese Momente, wenn wir als Brüder und Schwestern nebeneinander stehen in dem Wissen, Gott zu brauchen, die sind kostbar.

Bei Elia geht es ja so weiter: er geht 40 Tage lang zum Horeb, und dort hört er die Stimme Gottes, die ihm einen neuen Auftrag gibt. Bei uns ist es nicht immer so eindeutig. Aber auch wir sind Beauftragte Gottes; vielleicht manchmal, ohne es so genau zu wissen und zu merken. Und es geht dabei nicht um Leistung: manchmal erfülle ich Gottes Auftrag gerade dann, wenn ich nichts leisten kann, wenn ich schwach bin.

Und vielleicht ist es jetzt meine Aufgabe, mit diesem Stillstand leben zu können. Vielleicht ist es meine Aufgabe, mit der Angst vor dem Virus zu leben und trotzdem mutig zu glauben, dass Gott mich nicht vergisst. Und ich bin sicher: Wenn ich das glaube, dann wird sich das auf meine Umgebung auswirken.

Ich erinnere mich an Besuche bei Menschen in ihren letzten Lebenstagen, Besuche, die ich nie vergessen werde. Das, was diese Menschen mir in unseren Gesprächen sagten, geht noch mit mir. Sie waren so schwach, und doch ging gerade deshalb ein Segen von ihnen aus, der mich gestärkt und ermutigt hat. Ich lernte von ihnen etwas darüber, wie man in Frieden sterben kann. Das haben sie mir geschenkt, so schwach wie sie waren, und ich werde das nicht vergessen. Ich glaube, sie haben an mir einen Auftrag erfüllt.

Liebe Gemeinde,
wir sind Beauftragte Gottes. Wenn wir ihm vertrauen, ihm unsere Last und unsere Not bringen, immer wieder, dann wird er uns gebrauchen – wenn auch nicht immer so, wie wir es uns vorstellen. Gott sagt zu Elia, und er sagt es auch zu uns: Ich brauche dich! Ich stärke dich dafür! Iss und trink, denn ich habe noch etwas mit dir vor! Amen.




Regina Schlingheider

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