Wie heißt der Gärtner?

© Rolf Wegner
Veröffentlicht am Mo., 14. Okt. 2019 14:20 Uhr
Angesagt!

Vor einigen Tagen blätterte ich in einem Reisekatalog. Das Bild einer eindrucksvollen Landschaft fiel mir sofort ins Auge. Im Vordergrund standen Blumen in prachtvoller Blüte, umgeben von Strauchwerk. Im Hintergrund zeichnete sich ein Gebirgsmassiv ab und darüber ein tiefblauer Himmel, verziert mit einigen Wolken. Ein Bild, das Sehnsucht nach einer unverstellten Natur bei mir aufkommen ließ. Ein Bild, das mich an Situationen erinnerte, in denen ich allein, nur umgeben von solch einem mächtigen Panorama, zur Ruhe kam. Ich fühlte Dankbarkeit für das Geschenk der Schönheit unserer Natur.
Doch zurück zum Bild. Beim zweiten Blick fiel mir ein kurzer Satz auf. Er war mitten im Bild, so gesetzt als ob er aus einer Wolke kam. Dort war geschrieben: „Wie heißt der Gärtner?“
Diese Frage machte mich nachdenklich. Was soll dies mitten in einem so schönen Bild? Bei gepflegten Anlagen vor Wohnhäusern oder Siedlungsgärten liegt die Antwort auf der Hand. Entweder sind es Angestellte der Wohnungsgesellschaft oder die Besitzer der Gärten die für Schönheit sorgen. Aber hier auf dem Bild? In der sogenannten freien Natur, wer ist da der Gärtner? Gibt es überhaupt einen oder ist alles Zufall?
Interessante Gedanken dazu existieren schon lange. Vor etwa 220 Jahren hat Alexander von Humboldt auf seiner Reise durch Süd- und Mittelamerika erkannt und niedergeschrieben, dass in der Natur alles zusammenhängt und sich entwickelt und wir Teil dieser Natur sind. Zur Frage nach dem Gärtner gibt es folgende Äußerung Humboldts: „Die Menschen haben die Macht, die Umwelt zu zerstören, und die Folgen könnten katastrophal sein.“ Dies klingt wie eine Prophezeiung, eine Warnung, die wir auch heute nicht ernst genug nehmen. Wir brauchen nur unsere Umwelt und die durch uns verursachten Schäden ansehen. Wir Menschen sind offensichtlich Verwalter, aber nicht der Gärtner. Also, nur Zufall wird es nicht sein.
Versuchen wir eine Antwort aus dem wissenschaftlich-analytischen Blickwinkel. Woher kann der Samen der Sträucher und Blumen gekommen sein? Hat die Bodenbeschaffenheit zusammen mit dem Klima zu diesem wundervollen Wachstum geführt? Hat die Bodenbeschaffenheit zur brillanten Blütenfarbe beigetragen? Ist es die genetische Konstitution dieser Pflanzen, die es erlaubt hier so prächtig zu wachsen? Als Humangenetiker weiß ich, dass Genanalysen heutzutage in hoher Geschwindigkeit erstellt werden können und helfen, einen Teil der Fragen zu beantworten.
Und doch dürften all diese Erkenntnisse nicht ausreichen, uns beim Anblick solch einer wundervollen Landschaft die Frage nach dem Gärtner zufriedenstellend zu beantworten. Einer Antwort können wir näher kommen, wenn wir in diesen Augenblicken des schier unbegreiflich Wundervollen uns unseren Eindrücken, unseren Gefühlen überlassen. Jedenfalls mir geht es so. Jenseits all unserer vielen wissenschaftlichen Erkenntnisse gibt es etwas Großes und Mächtiges, das Faszination weckt. Es berührt mich zutiefst wie beeindruckend, wie voller Macht sich die Natur vor mir ausbreitet, so weit das Auge reicht. Im Anblick der weiten Räume fühle ich auch immer wieder, wie klein der Mensch ist. Ohne unser Zutun ist etwas entstanden, hat sich voller Pracht vor einem ausgebreitet, etwas, das ich als Schöpfung empfinde. In solchen Augenblicken bin ich voller Dankbarkeit für das, was Gott uns allen schenkt. Für mich beantwortet sich damit die Frage nach dem Gärtner.

Rolf-Dieter Wegner


Bildnachweise: