Meditierend den inneren Frieden finden

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Veröffentlicht am Di., 12. Mär. 2019 11:50 Uhr
Pfarrer Vogel findet ...

Liebe Lesende,

ich möchte Sie heute einladen, meditierend durch die Passionszeit zu gehen.Ich möchte Sie einladen, den Sonnengesang des Franziskus von Assisi zu lesen und zu meditieren.

DER SONNENGESANG
Höchster, allmächtiger, guter Herr,
dein sind der Lobpreis, die Herrlichkeit
und die Ehre und jeglicher Segen.
Dir allein, Höchster, gebühren sie,
und kein Mensch ist würdig, dich zu nennen.

Gelobt seist du, mein Herr,
mit allen deinen Geschöpfen,
zumal dem Herrn, Bruder Sonne,
er ist der Tag,
und du spendest uns das Licht durch ihn.
Und schön ist er und strahlend in großem Glanz,
dein Sinnbild, o Höchster.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch Schwester Mond und die Sterne;
am Himmel hast du sie gebildet,
hell leuchtend und kostbar und schön.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch Bruder Wind und durch Luft und Wolken
und heiteres und jegliches Wetter,
durch das du deinen Geschöpfen Unterhalt gibst.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch Schwester Wasser,
gar nützlich ist es
und demütig und kostbar und keusch.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch Bruder Feuer,
durch das du die Nacht erleuchtest;
und schön ist es und liebenswürdig
und kraftvoll und stark.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch unsere Schwester, Mutter Erde,
die uns ernährt und lenkt
und vielfältige Früchte hervorbringt
und bunte Blumen und Kräuter.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch jene, die verzeihen um deiner Liebe willen
und Krankheit ertragen und Drangsal.
Selig jene, die solches ertragen in Frieden,
denn von dir, Höchster, werden sie gekrönt werden.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch unsere Schwester, den leiblichen Tod;
ihm kann kein Mensch lebend entrinnen.
Wehe jenen, die in schwerer Sünde sterben.
Selig jene, die sich in deinem heiligsten Willen finden,
denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun.

Lobt und preist meinen Herrn
und sagt ihm Dank
und dient ihm mit großer Demut.

In den ersten beiden Strophen des Sonnengesanges werden Sonne, Mond und Gestirne aufgerufen, Gott zu loben. Die Schöpfung lebt in Polaritäten: Sonne und Mond, Tag und Nacht, Mann und Frau, Freude und Schmerz, wach sein und schlafen, geboren werden und sterben.

Franziskus weiß um diese Polarität. Sie zieht sich durch den ganzen Sonnengesang. Franziskus kennt nicht nur das Licht, er kennt auch das Dunkel. Auch dieses, ja sogar Schmerzen und Tod, werden zum Lob Gottes aufgerufen.

Bevor Franziskus den Sonnengesang schrieb, hatte er eine Zeit äußerster Prüfung durchlebt. Er war gezeichnet von einer schweren Augenkrankheit, und jeder Sonnenstrahl tat ihm weh; er durchlitt Depressionen und Schuldgefühle. Allem zum Trotz lobte er Gott. In der Anbetung Gottes wuchs seine Seele über sich selbst und ihren Schmerz hinaus, sie wurde frei und erfuhr eine tiefe Freude. Weil er beides kannte, Sonne und Mond, Tag und Nacht, Licht und Dunkel, weil er beides annahm und für beides Gott lobte, fand er aus der Schwermut heraus zum inneren Frieden.

Diese Polarität des Lebens kennt jeder von uns. Wie gut, wenn ich wie Franziskus das Dunkle meines Lebens annehmen und für Höhen und Tiefen, Licht und Dunkel Gott loben kann. Das Lob Gottes, vielleicht mit den Worten des Sonnengesangs, führt auch mich zum inneren Frieden.

"Herr, mein Gott,
es gibt Tage, an denen alles versandet ist: die Freude, die Hoffnung, der Glaube, der Mut.
Es gibt Tage, an denen ich meine Lasten nicht mehr zu tragen vermag: meine Krankheit, meine Einsamkeit, meine ungelösten Fragen, mein Versagen.
Herr, mein Gott,
lass mich an solchen Tagen erfahren, dass ich nicht allein bin, dass ich nicht durchhalten muss aus eigener Kraft, dass du mitten in der Wüste einen Brunnen schenkst und meinen übergroßen Durst stillst.
Lass mich erfahren, dass du alles hast und bist, dessen ich bedarf.
Lass mich glauben, dass du meine Wüste in fruchtbares Land verwandeln kannst."
(Sabine Naegeli, Du hast mein Dunkel geteilt, Verlag Heider, Freiburg 2001)

Ihr
Pfarrer Jörg E. Vogel


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