»Denn wenn wir vergessen, sind wir schuldig, dann sind wir Komplizen.«

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Veröffentlicht am So., 3. Feb. 2019 12:46 Uhr
Pfarrer Vogel findet ...

Endlich ist der 27. Januar, der Holocaustgedenktag, offizieller kirchlicher Gedenktag geworden. So ohne weiteres kann sich nun niemand mehr an diesem schwierigen Thema vorbeimogeln.

Der Holocaust, Auschwitz, stellt die christliche Kirche zutiefst infrage. Als ich in Auschwitz war, ist mir dies auch nochmal in aller Deutlichkeit bewusst geworden. Wie kann es sein, dass Menschen, die christlich sozialisiert wurden in einem seit Jahrhunderten christlich geprägtem Land, die getauft sind, Religionsunterricht, Konfirmandenunterricht, Konfirmation erlebt haben, vielleicht sogar mehr oder weniger regelmäßig in die Kirche gegangen sind, also Menschen wie wir, wie kann es sein, dass diese selben Menschen eine industrielle Tötungsfabrik von so unglaublichen Ausmaßen, von so irrsinnig menschenverachtender Dynamik betrieben haben? Wie kann das sein? Ist das gesamte biblische Wissen, der Glaube, alles plötzlich vergessen und verschwunden? 

Eli Wiesel, der Auschwitz überlebende Schriftsteller, schreibt in seinem Roman »Elischa«: "Nie werde ich diese Nacht vergessen, die erste Nacht im Lager, die aus meinem Leben eine siebenmal verriegelte lange Nacht gemacht hat. Nie werde ich diesen Rauch vergessen. Nie werde ich die kleinen Gesichter der Kinder vergessen, deren Körper vor meinen Augen als Spiralen zum blauen Himmel aufstiegen. Nie werde ich die Flammen vergessen, die meinen Glauben für immer verzehrten. Nie werde ich das nächtliche Schweigen vergessen, das mich in alle Ewigkeit um die Lust am Leben gebracht hat. Nie werde ich die Augenblicke vergessen, die meinen Gott und meine Seele mordeten, und meine Träume, die das Antlitz der Wüste annahmen. Nie werde ich das vergessen, und wenn ich dazu verurteilt wäre, so lange wie Gott zu leben. Nie."  

Die Psychologen sagen, dass das kollektive Gedächtnis ungefähr 80 Jahre zurückreicht. Gerade noch können wir mit Holocaustüberlebenden sprechen, sie in den Konfirmandenunterricht, in Schulen usw. einladen, vor dem Bundestag sprechen lassen. Noch können sie authentisch berichten, was sie erlebt haben. In 10 Jahren ist das nicht mehr möglich. Dann brauchen wir andere Quellen, damit unsere Erinnerung nicht versiegt. Dazu gehören auch solche Gedenktage wie der 27. Januar. 

Denn wenn die Erinnerung versiegt, sind wir vor Wiederholungen nicht mehr gefeit. Deshalb versuchen ja so viele AfD-Politiker diese Erinnerungskultur zu verhöhnen und auszulöschen und nennen die Holocaustgedenkstätte Mahnmal der Schande. Das ist der Trend unserer Zeit. Immer wieder ist zu hören, dass mit der Erinnerung doch endlich mal Schluss sein muss. 

Dem widerspricht die kirchliche Entscheidung, den Holocaustgedenktag zum kirchlichen Gedenktag zu machen. Endlich erhebt die Kirche ihre Stimme. Es wird Zeit. In der Kirche ist von Anfang an das Jüdische verwurzelt, nein, eigentlich umgekehrt: Das Judentum ist von Anfang an die Wurzel des Christentums. Nicht das Jüdische schlägt Wurzeln in der Kirche, sondern die Kirche schlägt Wurzeln im Judentum. Deshalb: wenn die Kirche sich gegen Israel stellt, dann reißt sie ihre eigene Wurzel aus. Aus dieser Wurzel können wir Christen noch heute die Kraft ziehen, zu protestieren gegen den Tod, gegen die Verbrechen und die Verbrecher, die Menschen zu Opfern machen. 

Durch diesen tief verwurzelten Glauben können wir das Gespräch suchen mit Menschen, die vergessen haben und vergessen wollen. Wir können und müssen protestieren gegen den wieder neu aufkeimenden Antisemitismus, sei es an den Schulen oder in den Medien oder bei Demonstrationen.

Eli Wiesel hat 1986 den Friedensnobelpreis erhalten und er sagt bei der Dankesrede: "Ich erinnere mich, ein kleiner jüdischer Junge fragte seinen Vater: Kann das wahr sein? Dies ist das 20. Jahrhundert, nicht das Mittelalter. Wer konnte solche Verbrechen zulassen? Wie konnte die Welt still bleiben? Und ich sagte ihm, dass ich es versucht habe. Ich habe versucht, die Erinnerung lebendig zu halten. Ich habe gegen die gekämpft, die vergessen wollen. Denn wenn wir vergessen, sind wir schuldig, dann sind wir Komplizen." 

Ihr Pfarrer
Jörg E.Vogel 


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