Abigails Segen

© Giustino Menescardi | wikimedia
Veröffentlicht am Mo., 21. Jan. 2019 15:25 Uhr
Pfarrerin Gorgas denkt ...

»Dein Leben soll eingebunden sein im Bündlein der Lebendigen bei dem HERRN, Deinem GOTT. (1. Samuel 25,29)«

Die Luft war unheilschwanger. Hastig lief die Frau hin und her, die Angst war ihr anzusehen. Mit jeder Faser ihres Körpers spürte sie die drohende Gefahr. Sie ahnte den Geruch vergossenen Blutes, sie spürte den Hauch des Todes auf ihrer Haut. Unendlich lähmendes Gefühl. Was konnte sie schon tun? Sie hatte den Konflikt nicht heraufbeschworen, sie traf keine Schuld am ewigen Streit um Macht und Vormacht. Um Interessenwahrung, um Besitzansprüche, die selbst vor der Gottesfrage nicht halt machten, um zu erobernde Territorien, mit allen Mitteln, auch mit Terror, nein sie traf keine Schuld, aber das Unheil würde sie treffen, gnadenlos, ohne Erbarmen. Wenn die Gewalten erst entfesselt waren. Gewalt erzeugt Gewalt. Keine Chance. Das Waffenklirren kam immer näher.

Abigail, die von allen, die sie kannten, klug und schön genannt wurde, wusste nichts von diesem Mann, der da waffenstrotzend auf ihr Haus zumarschierte, sie kannte diesen David nicht. Sie wusste nur, dass ihr eigener Mann diesen David beleidigt hatte. Er hatte ihn verlacht, verspottet, verhöhnt. Hatte die eigene Dummheit glänzend verbergen können unter Kriegsgeschrei und Allmachtsparolen. Und nun war David am Zug. Kein Mann kann sich das gefallen lassen. Schließlich wurde man ja zum Mann erzogen. Stärke. Vergeltung. Rache. Mit der Muttermilch aufgenommen ins eigene Leben. Transportiert von Generation zu Generation, von Müttern und Vätern weitergegeben an Kinder und Kindeskinder. GOTT, der EWIGE, beschränkt auf Männlichkeit. Wer sollte diesen Fluss der Gewalt stoppen können. Abigail, eine Frau? Ausgerechnet? Ausgerechnet!

Aus Abigails Hast wird kluge Eile. Aus ihrer lähmenden Angst wird besonnenes Handeln. Aus ihrer Ratlosigkeit wird Gebet. GOTT ist größer als unser Hass. ER ist mehr, als unser Tun und Trachten ermessen können. Anmut sparet nicht, noch Mühe! Abigail spart nicht. Sie macht sich schön, das Blut pulsiert in ihr. Leben. Sie packt Lebensmittel ein. Duftendes Brot, funkelnden Wein. Es sind ihre Überlebensmittel. „Mit den Waffen einer Frau“, Abigail schmunzelt, als ihr dieses Klischee in den Sinn kommt. Warum eigentlich nicht? Wenn es dem Frieden dient... Und dann geht diese Frau. Geht der Gefahr entgegen. Anmutig, hoffend, bittend, betend, dass sich die Mühe lohnen wird. Die Welt hält den Atem an, als Abigail und David einander begegnen. Entscheidung auf Leben und Tod. Zwei Menschen. Zwei Geschöpfe. Verführung zum Leben. Unglaublich diese Begegnung.

Abigail wirft sich David zu Füßen. Demütige Handlung einer Frau. Altbekannt. Um des lieben Friedens willen. Ja, genau darum. Abigail redet, schmeichelt, lobt, preist den Mann David. Das kann nur eine Frau. Wieder ein Klischee. Doch dann ist endgültig Schluss mit allen Vor – Urteilen! Abigail lässt das Wunder des Lebens geschehen. Sie segnet David: »Dein Leben soll eingebunden sein im Bündlein der Lebendigen bei dem HERRN Deinem GOTT.« David hat keine Chance. Nicht gegen diese Frau. Nicht gegen diesen Segen. »Du bist eingebunden in den Schatz des Lebens. Du hast Verantwortung für die nächste Generation. Du lebst. Nimm die Kraft eines Mannes und mühe dich für Söhne und Töchter des Friedens.«

David nimmt das Leben in die Hand. Er schaut Abigail in die Augen. Keine Rache. Umkehr zum Leben. Die Welt hält den Atem an. Sie ist eine andere nach dieser Begegnung. Hoffentlich! Verführung zum guten Ende. Von David und Abigail werden die Kinder hören. Es wird nicht fehlen an Anmut und Mühe. Der Segen dieser Frau wird nie verloren gehen.

Ihre
Pfarrerin Barbara Gorgas


(Foto: Giustino Menescardi | wikimedia)

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