Das große Kleeblatt Tegel-Borsigwalde

© Pixabay
Veröffentlicht am Mo., 31. Dez. 2018 16:00 Uhr
Angesagt!

Manchmal sind sie plötzlich da, diese unvergleichlichen Momente im Leben, wo einfach alles gut ist. Wo sich tiefe Freude einstellt und alles andere in den Hintergrund tritt. Zum Beispiel wenn ein Kind geboren wird, gesund und gewollt. Oder wenn es etwas Großes zu feiern gibt: ein bestandenes Examen nach langer Anstrengung, ein guter Befund nach schwerer Krankheit, ein Erfolg, mit dem niemand mehr gerechnet hat. Freude, sagt der Dichter Rainer Maria Rilke, ist darum auch viel mehr als Glück. Denn Glück bricht über den Menschen herein wie ein Schicksal, es überwältigt die Seele und macht sich dann schnell wieder davon. Freude dagegen ist etwas Beständiges, sie ist »eine gute Jahreszeit über dem Herzen«.

Weit mehr als nur eine Jahreszeit lang haben die vier Kirchengemeinden Alt-Tegel, Neu-Tegel, Tegel-Süd und Borsigwalde an dem zukunftsweisenden Projekt gearbeitet, über das sie sich nun mit vielen anderen Menschen von Herzen freuen können. Aus vier einzelnen Gemeinden wird eine gemeinsame neue Kirchengemeinde, aus vier kleinen Blättern das schöne große Kleeblatt Tegel-Borsigwalde. Zum Jahresanfang 2019 beginnt die dann größte evangelische Kirchengemeinde in Reinickendorf ihren Alltag mit einem neuen Namen und einem neuen Siegel, mit einem Büro, einem Leitungsgremium, einem Haushaltsbuch und einem Stellenplan.

Doch auf dem Weg zum geplanten Ziel gab es nicht nur eitel Freude und Sonnenschein. Fragen, Skepsis, Widerstände und Vorbehalte mussten geduldig Schritt für Schritt ausgeräumt werden. Warum überhaupt fusionieren, fragten manche Gemeindeglieder, wenn es alleine doch auch noch ganz erträglich läuft? Was werden wir verlieren? Wie viel wird sich ändern? Wohin mit der nahegelegenen Küsterei? Und dann erst die Suche nach einem passenden Namen für die Großgemeinde: Soll es einer aus der Bibel sein oder aus der Kirchengeschichte? Vielleicht sogar ein Frauenname? Wie wäre es beispielsweise mit »Evodia« aus dem Neuen Testament (Philipper 4, 2), was so viel heißt wie »die auf gutem Wege ist«? Ach nein, lieber nicht, so heißt ja schon eine bekannte Beauty-Serie…

Am Ende wurde es dann ganz schlicht die Ortsbezeichnung Tegel-Borsigwalde. Gut so! Denn echte Freude kommt auch aus dem Einverständnis, das erzielt wird, aus der Kraft zur Bejahung und aus dem Gespür für Vollständigkeit: Jede/r soll seinen Anteil haben an dem gelungenen Projekt und an dem Schatz des Ganzen. Und niemand soll meinen, er sei ausgeschlossen und komme darin nicht mehr vor.

So sagt es auch der Rat des klugen Weisheitslehrers Jesus Sirach, der empfiehlt: »Lass dir die Freude nicht entgehen, die dir beschieden ist. Tue dem Freund Gutes und gib auch dem Armen nach deinen Kräften. Versäume keinen fröhlichen Tag. Schenke und lass dich beschenken.« (Sirach 14, 13 – 14). Freude ist da vollkommen, wo niemand mehr ausgeschlossen ist: der Nächste nicht und nicht der Ferne und ich selbst auch nicht. Mehr können wir der Kirchengemeinde Tegel-Borsigwalde zu ihrem Start nicht wünschen als diese pure Freude am Leben, die Gott schenkt, als die Nähe zu den Freunden und die Aufmerksamkeit für die, die unsere Hilfe brauchen. Denn Freude, schreibt der Krimi-Autor Gilbert Keith Chesterton, »ist das gigantische Geheimnis der Christen.«

Beate Hornschuh-Böhm
Superintendentin im Kirchenkreis Reinickendorf

Bildnachweise: