Es kommt ein Schiff

© Maike Möller
Veröffentlicht am Mo., 3. Dez. 2018 11:27 Uhr
Angesagt!

Das Paket der Großeltern ist pünktlich angekommen. Aufgeregt wickeln die Kinder den großen Gegenstand aus. Ein langer flacher Holzklotz, in der Mitte aufgerichtet ein Mast mit drei Querbalken. Daran sind keine Segel befestigt, sondern kleine Blecheimer und bunte Tüten, 24 an der Zahl. Ein Schiff, voll beladen! Jetzt haben die Kinder auch die Karte entdeckt. „Liebe Enkel“, schreibt die Oma, „nun seid ihr schon groß. Deshalb sieht euer Adventskalender diesmal anders aus als gewohnt. An jedem Tag findet ihr ein Wort, das Gott euch sagen will. Es ist das Beste, was wir haben. Das wollen wir euch weitergeben. Weil wir euch lieben. Jetzt macht nicht gleich lange Gesichter! Es ist immer noch eine Kleinigkeit dabei, etwas Süßes oder ein Spielzeug. Und Achtung: Es geht schön der Reihe nach!“

Jeden Morgen stürzen die Kinder zu ihrem Adventsschiff. Sie reißen Papier auf, packen Kaugummi aus, ein kleines Auto oder ein Holztier. Und einen Zettel mit einem Spruch. Der wird manchmal erst am Abend gelesen und meistens schnell vergessen. Es kommt aber auch vor, dass er irgendwie fasziniert: „Hör mal, Mama, was hier steht! Gott sagt zu dir: Du bist wunderbar gemacht! Ist das nicht toll?“

Es kommt ein Schiff geladen. Die Liebe der Großeltern ist mit Händen zu greifen. Die Kinder verstehen auch, dass Oma und Opa etwas weitergeben wollen, was ihnen wichtig ist. Gottes Wort. Nahrung für die Seele. Nicht immer schmeckt den Kindern die Erwachsenenkost aber manchmal ist ein Wort dabei, das sie schön finden.

Es kommt ein Schiff. An seine Ankunft sind Sehnsüchte geknüpft. An Bord ist lang erwartete Fracht. Sättigendes Getreide, kostbare Gewürze, edle Hölzer. Briefe mit Nachrichten von fernen Angehörigen. Die Besatzung: der Freund, der zur See fährt; die Geliebte; der Ehemann. Das Schiff verbindet, was getrennt war. Es ist zwischen den Welten unterwegs.

Es kommt ein Schiff, geladen bis an sein’ höchsten Bord. Aus weiter Ferne kommt auch das alte Adventslied zu uns. Fremd und zugleich vertraut die Melodie, geheimnisvoll die Worte. Jede Strophe zweigeteilt. Wie auf sanften Wogen schaukelt das Schiff im ersten Teil. Die Töne loten die Tiefe aus. In der zweiten Hälfte setzt ein Reisender den Fuß aufs Land. Schreitet kräftig und fröhlich voran. Steigt mit der Melodie hinauf, vom Hafen in die Stadt. Und kehrt später wieder zurück zum tiefen Anfangston. In den Schiffsbauch hinein.

Seit alter Zeit ist das Schiff Sinnbild für die Begegnung zweier Welten. Meer und Land, Himmel und Erde, Gott und Mensch. Das Lied lässt mehrere Deutungen zu. Es ist z.B. als Marienlied gesungen worden. Maria, die Schwangere, ist wie ein Schiff. Sie trägt eine teure Last. Gott schickt das Allerkostbarste, das Beste, was er hat: seinen Sohn. Seine Liebeserklärung an uns. Sein ewiges Wort. Gott wirft Anker in unserer Welt. Er macht bei uns fest. Kräftigt unser Herz, damit wir nicht untergehen, auch wenn die Wellen hoch schlagen. Gottes Wort wird Mensch. Von Maria geboren. In Windeln gewickelt. Im Stall von Bethlehem. Immer wird es besonders den Verlorenen nahe sein. Denen, die noch keinen Ankerplatz gefunden haben, keinen geliebten Menschen, kein Vertrauen zu sich selbst und auch nicht zu Gott.

Uralt ist das Lied von dem Schiff. Es gehört zu den ältesten geistlichen Gesängen unserer Sprache. Im Singen überbrücken wir die Zeit. Was wir singen wird gegenwärtig. Es kommt ein Schiff. Es bringt Gottes Sohn. Sein lebendiges Wort für uns. Öffnen wir unsere Herzen für Gottes Gegenwart! So wird das Lied uns zur Stärkung. Proviant für unseren Weg. Vorgeschmack der Herrlichkeit, die uns im Hafen erwartet.

Ihr
Stefan Jankowski

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